NEW-COMM ist kein politisches Projekt im herkömmlichen Sinn. Wir sind kein Debattierclub für moralische Erneuerung, keine NGO und keine Plattform für die Hoffnung auf einen besseren Kapitalismus. NEW-COMM ist ein Theorieprojekt für materialistische Kritik. Wir veröffentlichen Analysen, Begriffsarbeit, Lektürehilfen und polemische Interventionen zur Kritik der politischen Ökonomie. Unser Gegenstand ist die bürgerliche Gesellschaft: Ware, Wert, Geld, Lohnarbeit, Privateigentum, Konkurrenz, Staat, Nation und Krise. Nicht als lose Themen, sondern als Formen eines Zusammenhangs, in dem Menschen ihre eigene gesellschaftliche Reproduktion als fremde Macht vorfinden. Die radikale Linke leidet nicht an einem Mangel an Empörung. Sie leidet daran, dass Empörung zu oft an die Stelle der Analyse tritt. Während die Krisen des Kapitals offensichtlicher werden, verliert ein großer Teil dessen, was sich „kommunistisch“ oder „antikapitalistisch“ nennt, den Begriff seines Gegenstands. Aus Kritik der politischen Ökonomie wird moralische Anklage. Aus Klassenanalyse wird Milieusprache. Aus Revolution wird Reformprogramm, Bewegungsritual oder Identitätsbekenntnis.
NEW-COMM setzt dagegen auf begriffliche Strenge. Kritik heißt nicht, der Welt ein Ideal entgegenzuhalten. Kritik heißt, die gesellschaftlichen Verhältnisse so zu bestimmen, dass ihre Zwänge, Widersprüche und Herrschaftsformen sichtbar werden.
Gegen moralischen Antikapitalismus
Viele linke Kritiken behandeln den Kapitalismus als Ergebnis von Gier, Ungerechtigkeit oder fehlender Menschlichkeit. Damit verfehlen sie seinen Begriff. Kapitalistische Herrschaft beruht nicht darauf, dass einzelne Akteure besonders böse Absichten haben. Sie beruht auf einer gesellschaftlichen Form, in der Produktion, Arbeit und Bedürfnis der Verwertung des Werts untergeordnet sind.
Nicht die Moral der Herrschenden erklärt das Kapitalverhältnis, sondern das Kapitalverhältnis erklärt, warum sich die Beteiligten in bestimmten Formen bewegen müssen: als Käufer und Verkäufer, als Eigentümer und Eigentumslose, als Unternehmer und Lohnabhängige, als Konkurrenten, Staatsbürger, Steuerzahler, Arbeitskräfte und Verwertungsmaterial. Unser Ziel ist nicht, Empörung zu verwalten, sondern die Formen zu bestimmen, die sie hervorbringen. Wer nur sagt, dass die Welt ungerecht ist, bleibt an ihrer Oberfläche. Wer sie kritisieren will, muss zeigen, welcher Zwang in ihr steckt.
Gegen Revisionismus und politischen Voluntarismus
Unter dem Vorwand der Anschlussfähigkeit werden zentrale Begriffe der Kritik der politischen Ökonomie entschärft. Aus Kapitalismuskritik wird Sozialpolitik. Aus Klassenkampf wird Wahlstrategie. Aus kommunistischer Aufhebung wird die Hoffnung auf einen besseren Staatswillen. Revisionismus ist nicht bloß eine falsche politische Linie. Er ist eine theoretische Kapitulation vor dem Gegenstand. Er ersetzt die Analyse gesellschaftlicher Notwendigkeiten durch den Glauben an politische Gestaltung. Als ließen sich Wert, Konkurrenz, Geld, Eigentum und Akkumulation durch bessere Absichten außer Kraft setzen. Der bürgerliche Staat steht nicht außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Er ist nicht das neutrale Werkzeug, das nur in die richtigen Hände geraten müsste. Er garantiert Privateigentum, Recht, Geld, Konkurrenz und die Reproduktion der Klassenverhältnisse. Politik erscheint als freier Ort der Entscheidung; tatsächlich bewegt sie sich innerhalb der Bedingungen, die Kapitalakkumulation, Standortkonkurrenz und nationale Staatsräson setzen.
Gegen Identität als Ersatzkritik
Die Untersuchung von Lohnarbeit, Eigentum, Staat und gesellschaftlicher Reproduktion wird heute häufig durch die Affirmation subjektiver Betroffenheit ersetzt. Erfahrung wird nicht mehr erklärt, sondern zum letzten Maßstab politischer Wahrheit erhoben. Subjektive Erfahrung ist real. Aber sie erklärt sich nicht aus sich selbst. Sie muss auf die gesellschaftlichen Verhältnisse zurückgeführt werden, in denen sie entsteht. Geschlecht, Rassismus, Familie, Migration und Sexualität sind keine bloßen Nebensachen. Sie werden aber falsch bestimmt, wenn sie von Arbeitsteilung, Eigentum, Staat, Reproduktion und Kapitalakkumulation getrennt werden. Wir kritisieren feministische, antirassistische und queer-theoretische Ansätze dort, wo sie Herrschaft moralisch, kulturell oder subjektivistisch erklären. Wo sie dagegen die materielle Reproduktion von Klassen-, Geschlechter- und Gewaltverhältnissen bestimmen, gehören sie in eine materialistische Kritik hinein. Eine solche Kritik fragt nicht zuerst, wer spricht, sondern welches gesellschaftliche Verhältnis sich in einer Erfahrung, Institution oder Praxis ausdrückt.
Klasse ist kein Identitätsangebot. Klasse bezeichnet ein gesellschaftliches Verhältnis: die Trennung der Produzenten von den Bedingungen ihrer Reproduktion und ihren Zwang, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen. Wer Klasse in ein weiteres Milieu unter vielen verwandelt, verliert den Zusammenhang aus dem Blick, der die verschiedenen Formen gesellschaftlicher Ohnmacht überhaupt vermittelt.
Unser Anspruch
NEW-COMM will mit linker Folklore, moralischem Antikapitalismus und reformistischer Selbstberuhigung brechen. Die bürgerliche Gesellschaft ist kein Zufallsprodukt schlechter Meinungen. Sie ist ein Zusammenhang objektiver Formzwänge: Wertgesetz, Akkumulation, Privateigentum, Konkurrenz und Staat. Marxismus ist für uns keine Weltanschauung, kein Traditionsbekenntnis und keine Geschichtsphilosophie. Er ist Kritik der gesellschaftlichen Formen, in denen Menschen unter kapitalistischen Bedingungen ihre eigene Vergesellschaftung als fremde Macht erfahren: als Markt, Geld, Recht, Nation, Staat und Kapital. Theoriearbeit ersetzt keine Praxis. Sie bereitet sie vor, indem sie falsche Gegner, falsche Hoffnungen und falsche Begriffe beseitigt. Ohne begriffliche Schärfe bleibt Praxis blind; ohne revolutionäre Praxis bleibt Theorie folgenlos.
NEW-COMM richtet sich an alle, die den Kitsch moralischer Empörung, die Ohnmacht reformistischer Politik und die Selbstbespiegelung identitärer Ersatzkritik hinter sich lassen wollen. Wir bieten keine Wohlfühl-Utopie und keine Gebrauchsanweisung für einen besseren Kapitalismus. Wir arbeiten an der Kritik der Formen, die aufgehoben werden müssen.
