von G.L.
0.) Vermeintlich antidialektisch zu denken wird in einigen marxistischen Strömungen so behandelt wie ein Sündenfall in der Kirche. Genau wie in der Kirche wird nicht inhaltlich bestimmt, warum etwas falsch oder richtig ist, sondern nur heruntergebetet, was in den heiligen Schriften steht, und daraus dann ein unbegründeter Dissens konstruiert. In dieser Reihe widmen wir uns der Frage, was Dialektik überhaupt ist und warum diese Herangehensweise genau das Gegenteil von dem ist, was man unter Dialektik verstehen sollte.
In diesem Teil widmen wir uns Stalins Werk „Über dialektischen und historischen Materialismus“, das zu einiger Berühmtheit geraten ist und eine gute Zusammenfassung der methodologischen Fehler des revisionistischen Marxismus darstellt. Es soll noch gesagt sein, dass das entsprechende Buch optimalerweise vorliegen sollte, wenn man bestimmen will ob diese Schrift Stalins Fehler auf den Begriff bringt. Die Referenz dieses Werks ist die Ausgabe des Verlags “Neuer Weg”, obgleich Stalins pahmpletartiges Buch auch kostenfrei im Netz zu finden ist.
1.) In der Einleitung formuliert Joseph Stalin den Anspruch seines Werks, indem er die Dialektik als universelle Methode zur Erklärung von Natur und Gesellschaft ausgibt. Dabei werden unterschiedliche Formen von Notwendigkeit und Zufälligkeit unter ein einheitliches Schema von „Gesetzmäßigkeiten“ subsumiert, wodurch gesellschaftliche Prozesse in ihrer Eigenart gegenüber Naturphänomenen eingeebnet werden.
Stalin interessiert sich in diesem Werk nicht für die spezifische Funktionsweise einzelner Phänomene – etwa für den Zweck der kapitalistischen Produktionsweise oder für die unterschiedlichen Logiken naturwissenschaftlicher Zusammenhänge wie Gravitation und Wetter –, sondern fasst alles unter dem abstrakten Begriff der „Naturerscheinungen“ zusammen. Die wiederkehrenden Probleme im Argumentationsgang folgen daher aus diesem Ansatz. Eine allgemeine Logik wird vorausgesetzt und anschließend in allem Seienden wiedergefunden – mit einer Tendenz zur Tautologie.
Demgegenüber ist zu betonen, dass gesellschaftliche Verhältnisse wie das Kapitalverhältnis nicht unmittelbar sinnlich gegeben sind und sich nicht wie Naturgegenstände „unter der Lupe“ untersuchen lassen. Sie sind historisch vermittelte Beziehungen eigener Art.
Stalins Versuch, die von Karl Marx an konkreten ökonomischen Kategorien entwickelte Analyse auf „alles“ auszudehnen, verfehlt daher deren Gegenstand. Eine solche Totalisierung führt zu Abstraktionen, die Unterschiede zwischen Gegenstandsbereichen verwischen und dadurch systematisch Fehlinterpretationen begünstigen.
Das Werk stabilisiert damit eher ein geschlossenes Weltbild, als die erkenntnistheoretische Offenheit der Gegenstände zu erhalten.
2.) Beginnen wir mit dem ersten Abschnitt. Stalin macht hier einen grundlegenden methodischen Anspruch deutlich. Er schreibt:
„Jede beliebige Erscheinung auf jedem Naturgebiet kann in Widersinn verwandelt werden, wenn sie außerhalb des Zusammenhangs mit den sie umgebenden Erscheinungen, losgelöst von ihnen, betrachtet wird, und, umgekehrt, jede beliebige Erscheinung kann verstanden und begründet werden.“ (S. 3, Z. 24–33.)
Die Frage ist, wie Erscheinungen überhaupt betrachtet werden können, ohne sie zunächst voneinander zu unterscheiden und analytisch zu gliedern.
In der unmittelbaren Betrachtung lässt sich zunächst nur feststellen, dass ein Gegenstand X nicht mit einem Gegenstand Y identisch ist. Diese Unterscheidung ist eine grundlegende Voraussetzung begrifflicher Erkenntnis. Hätten all die realen Gegenstände keine Eigenheiten, wären sie dasselbe.
Auch Warum-Fragen setzen in der Regel einen bestimmten Gegenstand voraus, der zunächst bestimmt und damit methodisch isoliert werden muss. Eine solche Frage lässt sich jedoch nicht aus der bloßen Isolation heraus beantworten, da Erklärungen regelmäßig auf Beziehungen und Zusammenhänge verweisen.
Daher ist es notwendig, Gegenstände zunächst zu isolieren, um sie überhaupt bestimmen zu können. Ihre Erklärung erfordert jedoch, sie wieder in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, der aus Bedingungen und Relationen besteht, durch die eine Erscheinung in ihrer konkreten Form verständlich wird.
Es wird nicht bestritten, dass Realität durch Zusammenhänge konstituiert ist. Kritisch ist vielmehr, dass der Übergang zwischen Isolation und Zusammenhang bei Stalin nicht als erkenntnismethodischer Prozess behandelt wird. Stattdessen wird er zu einem fertigen Schema verkürzt, das der Untersuchung bereits vorausliegt. Damit wird der eigentliche Vollzug wissenschaftlicher Erkenntnis – die Vermittlung von Bestimmung und Relation – übersprungen.
Entscheidend ist dabei, dass Erscheinung und Wesen nicht unmittelbar zusammenfallen. Erkenntnis beginnt zwar mit der analytischen Determination einzelner Momente, erschöpft sich darin jedoch nicht, sondern muss diese Bestimmungen in ihre vermittelten Zusammenhänge zurückführen.
Beispiel: Klassenbewusstsein kann aus der sinnlichen Erfahrung entstehen, dass man mit eigener Arbeit mehr produziert, während der eigene Konsum stagniert oder relativ zurückbleibt, während andere, die nicht in gleicher Weise arbeiten, über größere Ressourcen verfügen. Werden diese erfahrbaren Seiten durch eine ökonomische Analyse als kausal zusammenhängend erkannt, lassen sich die zunächst getrennt erscheinenden Phänomene als strukturell vermittelt begreifen – man begreift sich als Teil einer Klasse.
Wenn jedoch bereits im Voraus behauptet wird, dass alles mit allem zusammenhängt, ist damit auch die Form dieses Zusammenhangs vorab festgelegt. Der Begriff des Zusammenhangs wird dann nicht aus der Untersuchung gewonnen, sondern vorausgesetzt. In diesem Fall wird über die konkrete Beschaffenheit der Erscheinungen nichts Neues erkannt, sondern lediglich eine bereits unterstellte Verbindung bestätigt.
Stalin hat damit die erkenntnismethodische Reihenfolge verschoben. Der Zusammenhang wird nicht aus der Analyse entwickelt, sondern vorweggenommen und nachträglich in den Gegenständen wiedergefunden – doch dazu später mehr. Ferner schreibt er:
„Für die dialektische Methode ist vor allem nicht das wichtig, was im gegebenen Augenblick als fest erscheint, jedoch bereits abzusterben beginnt, sondern das, was entsteht und sich entwickelt, selbst wenn es im gegebenen Augenblick nicht fest aussieht, denn für die dialektische Methode ist nur das unüberwindlich, was entsteht und sich entwickelt.“ (S. 4, Z. 1–12.)
Seine These und seine respektiven Fehltritte, die auf dieser logischen Grundannahme fussen sollen im Folgenden demontiert werden.
Erstens zeigt sich hier eine Verschiebung des Erkenntnisinteresses: Entscheidend ist nicht mehr, was eine Erscheinung in ihrem gegenwärtigen Bestehen ist, sondern nur noch, was aus ihr wird. Bezogen auf gesellschaftliche Verhältnisse bedeutet dies, dass der Kapitalismus nicht in seiner immanenten Struktur untersucht wird, sondern vor allem im Hinblick auf eine behauptete Übergangslogik. Dadurch werden die von Marx herausgearbeiteten inneren Bestimmungen kapitalistischer Produktionsweise nicht mehr in ihrer Eigenlogik analysiert, sondern auf ein vorab gesetztes Resultat hin interpretiert.
Zweitens setzt eine solche Perspektive den Verlauf der Entwicklung bereits voraus, den sie eigentlich erst erklären müsste. Wenn etwa der Untergang des Kapitalismus behauptet wird, dann müsste zunächst gezeigt werden, wie ein solcher Verlauf konkret überhaupt aussieht. Gerade wenn ein bestimmter historischer Übergang noch nie in dieser Form stattgefunden hat, kann nicht im Voraus festgelegt werden, wie er notwendig ablaufen muss. Es reicht daher nicht aus, eine allgemeine Richtung oder Tendenz zu behaupten; vielmehr müsste gezeigt werden, durch welche konkreten Schritte, Vermittlungen und historischen Bedingungen ein solcher Prozess tatsächlich verläuft. Aus der bloßen Annahme einer Entwicklungstendenz ergibt sich weder ihr konkreter Verlauf noch ihre spezifische Form.
Drittens wird die Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftsprozessen unscharf gezogen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind nicht bloß naturgesetzlich bestimmt, sondern durch handelnde Subjekte vermittelt, die innerhalb gegebener Bedingungen unterschiedliche Entwicklungswege einschlagen können. Selbst unter gleichen materiellen Voraussetzungen sind verschiedene historische Formen möglich – etwa Faschismus, Demokratie, sozialistische Planwirtschaft oder feudale Strukturen. Daraus folgt, dass nicht aus einer behaupteten Entwicklungstendenz auf einen notwendigen Ausgang geschlossen werden kann. Vielmehr ist jeweils zu erklären, warum unter bestimmten Bedingungen eine konkrete gesellschaftliche Form gegenüber anderen Möglichkeiten tatsächlich stabil wird und warum die kommunistische Gesellschaftsform die sinnvollste wäre.
Viertens liegt hier eine problematische Schlussfigur vor: Aus der Tatsache, dass ein gesellschaftlicher Zustand besteht, wird abgeleitet, dass er auch bestehen „muss“. Damit wird faktische Existenz in Notwendigkeit umgedeutet. Diese Argumentationsweise blendet die Rolle handelnder Subjekte aus, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur vorfinden, sondern auch verändern können. Indem Veränderbarkeit nicht ernsthaft berücksichtigt wird, erscheint das Bestehende als notwendig und damit als legitimiert, obwohl seine Aufhebung oder Umgestaltung prinzipiell möglich ist. Stalin hätte zudem keine Wahl, das Fortbestehen des Zarenreiches hinzunehmen, denn wenn es ist, folgt ihm das nach einem notwendigen Prozess.
Es soll nicht bestritten werden, dass gesellschaftliche und ökonomische Prozesse im Werden und Vergehen begriffen werden müssen; ohne diese Einsicht wäre es sogar sinnlos, überhaupt von zeitlichen Abläufen im Kapitalismus zu sprechen.
Diese Bestimmung lässt sich jedoch nicht unreflektiert verallgemeinern. Aus der Analyse innerer Entwicklungsbewegungen eines Systems folgt nicht, dass Übergänge zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Systemen denselben Verlaufslogiken unterliegen. Ebenso wenig lässt sich im Voraus bestimmen, ob ein solcher Systemwechsel abrupt oder schrittweise erfolgt oder welches konkrete Ergebnis sich dabei herausbildet – hier zeigt sich, was die behauptete Totalität Stalins für ein Problem ist.
3.) Kurz darauf treibt Joseph Stalin diese Bestimmung auf die Spitze:
„Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik den Entwicklungsprozess nicht als einfachen Wachstumsprozess, in welchem quantitative Veränderungen nicht zu qualitativen Veränderungen führen, sondern als eine Entwicklung, die von unbedeutenden und verborgenen quantitativen Veränderungen zu sichtbaren Veränderungen, zu grundlegenden Veränderungen, zu qualitativen Veränderungen übergeht, in welcher die qualitativen Veränderungen nicht allmählich, sondern rasch, plötzlich, in Gestalt eines sprunghaften Übergangs von dem einen Zustand zu dem anderen Zustand eintreten, nicht zufällig, sondern gesetzmäßig, als Ergebnis der Ansammlung unmerklicher und allmählicher quantitativer Veränderungen.“ (S. 5, Z. 8–32.)
Diese Verallgemeinerung ist jedoch problematisch, da sie unterschiedliche historische Transformationsformen unter ein einheitliches Verlaufsmodell zwingt. Gesellschaftliche Umbrüche zeigen vielmehr, dass Übergänge nicht notwendig einer einzigen Struktur folgen. So lässt sich etwa die schrittweise Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse in China als gradueller Transformationsprozess beschreiben, während der Systemwechsel in der Sowjetunion unter Gorbatschow und in der Folgezeit hin zu marktwirtschaftlich-kapitalistischen Strukturen einen vergleichsweise abrupten institutionellen Bruch darstellte. Beide Verläufe sind historisch real, ohne dass sich daraus ein allgemeines Gesetz der Übergangsform ableiten ließe.
Damit wird deutlich, dass aus der Annahme innerer quantitativer Veränderungen nicht automatisch auf die Struktur gesellschaftlicher Systemwechsel geschlossen werden kann. Der Wandel innerhalb eines Systems folgt nicht notwendig derselben Logik wie der Übergang zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen. Damit wird deutlich, dass historische Entwicklung weder auf ein ausschließlich sprunghaftes noch auf ein rein kontinuierliches Modell reduziert werden kann. Die konkrete Form von Transformation ist vielmehr durch die jeweiligen Zielsetzungen und Handlungsorientierungen gesellschaftlicher Subjekte bestimmt sowie durch deren Erfolg oder Scheitern in der Durchsetzung ihrer Interessen innerhalb gegebener materieller Bedingungen.
Diese materiellen Bedingungen wirken dabei als eine Art strukturelle Bewährungsinstanz: Sie ermöglichen bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis und schließen andere aus. So ist etwa eine ausgeprägte Arbeitsteilung eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Warenproduktion und Tauschverhältnissen. Daraus folgt jedoch nicht, dass aus Arbeitsteilung zwangsläufig kapitalistische Produktionsverhältnisse entstehen müssen. Innerhalb eines kapitalistischen Betriebs selbst existiert ebenfalls eine hochentwickelte Arbeitsteilung, ohne dass dort zugleich Tausch im ökonomischen Sinn zwischen den Produzenten stattfindet. Das zeigt, dass aus einer bestimmten Strukturbedingung nicht eindeutig eine einzige historische Entwicklungsform abgeleitet werden kann.
Auch innerhalb der marx’schen Publikationen selbst zeigt sich keine rein schematische Festlegung auf ein einheitliches Entwicklungsmodell. Während im „Manifest der Kommunistischen Partei“ noch eine stark zugespitzte historische Entwicklungslogik formuliert wird, bleibt der entscheidende Punkt bei Karl Marx jedoch, dass die Analyse der bestehenden Verhältnisse nicht bloß beschreibend ist, sondern auf die im Gegenwärtigen angelegten Möglichkeiten und Widersprüche zielt.
Gerade in späteren Texten – etwa in der „Kritik des Gothaer Programms“ – geht es nicht um eine bloße Ableitung eines notwendigen Endzustands, sondern um die Bestimmung jener real vorhandenen Tendenzen und Strukturen, die als Ansatzpunkte bewusster gesellschaftlicher Praxis im Übergang zum Sozialismus dienen können.
4.) Jetzt kommen wir zur Rolle der Partei und zum ideologischen Anspruch der Schrift:
„Es ist nicht schwer zu begreifen, welche gewaltige Bedeutung die Ausdehnung der Leitsätze der dialektischen Methode auf die Erforschung des gesellschaftlichen Lebens, auf die Erforschung der Geschichte der Gesellschaft hat, welche gewaltige Bedeutung der Anwendung dieser Leitsätze auf die Geschichte der Gesellschaft, auf die praktische Tätigkeit der Partei des Proletariats zukommt.” (S. 11, Z. 1–18.)
Das begründet er wiederum mit folgenden Argumenten:
“Wenn es in der Welt keine isolierten Erscheinungen gibt, wenn alle Erscheinungen miteinander verbunden sind und einander bedingen, so ist es klar, dass jede gesellschaftliche Ordnung und jede gesellschaftliche Bewegung in der Geschichte nicht vom Standpunkt ‚ewiger Gerechtigkeit‘ oder irgendeiner anderen vorgefassten Idee einzuschätzen ist, wie dies nicht selten die Historiker tun, sondern vom Standpunkt der Bedingungen, die diese Ordnung und diese gesellschaftliche Bewegung hervorgebracht haben und mit denen sie verbunden sind.“ (S. 11, Z. 18–31.)
Ausgehend von der bei Joseph Stalin formulierten Annahme lässt sich folgende Argumentationsstruktur rekonstruieren:
Erstens wird davon ausgegangen, dass historische Entwicklung insgesamt notwendig verläuft, also als gesetzmäßig bestimmter Prozess verstanden werden kann.
Zweitens muss diese historische Notwendigkeit einen konkreten Ausdruck finden, insbesondere in der politischen Organisation, etwa in der Partei als bewusster Trägerin und Vollstreckerin dieser Entwicklung.
Jedoch gibt es keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Individuum und Organisation: Subjekte entwickeln kommunistische Kritik in der praktischen Auseinandersetzung mit den Zwängen, Widersprüchen und Erfahrungen der gesellschaftlichen Reproduktion, insofern sie die bürgerlichen Denkformen, die sie im Alltag praktisch erlernen und vollziehen, als Ausdruck jener Verhältnisse begreifen, deren theoretische Kritik aus dieser vermittelten Verarbeitung erst hervorgeht. Freilich gibt es so etwas wie einen Warenfetischismus, einen Staatsfetischismus und so weiter, und in einer bürgerlichen Gesellschaft ist es stets am einfachsten, sich dem hinzugeben, um zurechtzukommen. Allein die Tatsache, dass man in den kapitalistischen Denkformen denken muss, um Verträge zu schließen und Lohnarbeit zu verrichten, ist eine Hürde für kommunistische Agitation. Dass Menschen sich innerhalb dieser Gegebenheiten aber entscheiden, kommunistisch aufzutreten, zeigt, dass das falsche Bewusstsein nicht determiniert ist, sondern zunächst einmal die Tätigkeit innerhalb dieses Systems. Ein Subjekt entscheidet also auf Grundlage relativer und absoluter materieller Schranken.
Und dass das politische Bewusstsein in gewisser Weise gewählt ist, sollte Stalin selbst am besten wissen. Immerhin war er immer wieder mit Parteigenossen konfrontiert, denen er ein bürgerliches Bewusstsein diagnostiziert hat. Und wenn Stalin sich dazu entscheiden muss zu erwähnen, dass die Partei eine bestimmte Methode anwenden muss und nicht in Moral verfallen soll, damit dieser historische Prozess zu seinem respektiven Ende kommt, dann ist Stalins Tun ein Beweis gegen seine eigene These. Wäre der erste Schritt nämlich wahr, könnte er sich das sparen. Des Weiteren stellt sich die Frage, inwiefern bei Stalin überhaupt noch theoretischer Stoff bleibt, um klarzumachen, dass die kritische Masse ihre materiellen Interessen wahrnehmen soll, wenn ihr Tun ohnehin nichts weiter als ihr historisches Los ist.
An späterer Stelle relativiert er zwar, indem er sagt dass die kommunistischer Partei diesen historischen Prozess lediglich beschleunigen würde, jedoch wäre dann die Antwort auf die Frage fällig inwiefern man dann noch bestimmte Verlaufsformen zwischen den Gesellschaftsformationen behaupten kann, wenn die Geschwindigkeit von der Agitation abhängig ist – Weshalb man diese hinterhergeschobene Ausrede nicht gelten lassen kann.
Folglich entsteht aus dem Ganzen ein unauflösbares Spannungsverhältnis innerhalb der Theorie: Wenn die historische Entwicklung als notwendig gilt, ihre konkrete Vermittlung über eine Partei jedoch offenbar auf überlegten Entscheidungen beruht, wird die behauptete Notwendigkeit in ihrer praktischen Form negiert.
5.) Im zweiten Teil, der den Titel „Der marxistische philosophische Materialismus“ trägt, bestätigt der russische Marxist, dass er an philosophischen Weltformeln mehr interessiert ist als an der Durchsetzung richtiger Ideen über die materiellen Verhältnisse. Aber lassen wir ihn sprechen:
„Im Gegensatz zum Idealismus, der die Welt als Verkörperung der ‚absoluten Idee‘, des ‚Weltgeistes‘, des ‚Bewusstseins‘ auffasst, geht der philosophische Materialismus von Marx davon aus, dass die Welt ihrer Natur nach materiell ist, dass die mannigfaltigen Erscheinungen in der Welt verschiedene Formen der sich bewegenden Materie darstellen, dass der wechselseitige Zusammenhang und die wechselseitige Bedingtheit der Erscheinungen, die durch die dialektische Methode festgestellt werden, Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der sich bewegenden Materie darstellen, dass die Welt sich nach den Bewegungsgesetzen der Materie entwickelt und keines ‚Weltgeistes‘ bedarf.“ (S. 6, Z. 10–28.)
Wie gesagt: Wenn die Bewegungsgesetze durch die dialektische Methode festgestellt werden, dann hängt das Verständnis der materiellen Verhältnisse von dem richtigen geistigen Betriebssystem ab und nicht von einem nüchternen Blick auf das, was einem vorliegt. Ironischerweise zitiert Stalin daraufhin folgende Aussage von Friedrich Engels:
„Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zutat …“ (Friedrich Engels, „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, Anhang, S. 60.)” (S. 7, Z. 10–14.)
Hat Stalin nicht kurz davor gesagt, die Natur könne nur durch seine dialektischen Leitsätze begriffen werden? Man findet diese Universalschlüssel nicht in den objektiven Erkenntnissen der Gravitationstheorie oder der allgemeinen Relativitätstheorie, sondern nur bei Stalin und seinen Genossen. Und eine übergeordnete Wissenschaft brauchen diese Einzelwissenschaften offenkundig nicht, um die Natur so zu sehen, wie sie ist und sich diese brauchbar zu machen. Trotzdem meint Stalin, dass die Philosophie, also die Königin der Wissenschaften, von größter Wichtigkeit sei. Dieser undialektische Widerspruch zeigt Stalins falsche Logik eindrücklich.
In diesem Teil geht es Stalin aber insbesondere um das Bewusstsein. Dazu sagt er Folgendes:
„Im Gegensatz zum Idealismus, der behauptet, dass nur unser Bewusstsein wirklich existiere, dass die materielle Welt, das Sein, die Natur nur in unserem Bewusstsein, in unseren Empfindungen, Vorstellungen, Begriffen existiere, geht der marxistische philosophische Materialismus davon aus, dass die Materie, die Natur, das Sein die objektive Realität darstellt, die außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von ihm existiert, dass die Materie das Primäre, das Ursprüngliche ist, weil sie Quelle der Empfindungen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist, das Bewusstsein aber das Sekundäre, das Abgeleitete ist, weil es ein Abbild der Materie, ein Abbild des Seins ist, dass das Denken ein Produkt der Materie ist, die in ihrer Entwicklung einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht hat, und zwar ein Produkt des Gehirns, das Gehirn aber das Organ des Denkens ist, dass man darum das Denken nicht von der Materie trennen kann, ohne in einen groben Irrtum zu verfallen.
Die ‚höchste Frage der gesamten Philosophie‘, sagt Engels, ist die ‚Frage nach dem Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur …‘ ‚Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, … bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.‘ (Friedrich Engels, „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, S. 16/17.)” (S. 8, Z. 6–20.)
Ferner ist ‚die stoffliche, sinnlich wahrnehmbare Welt, zu der wir selbst gehören, das einzig Wirkliche …‘ Unser ‚Bewusstsein und Denken, so übersinnlich es scheint‘, ist ‚das Erzeugnis eines stofflichen, körperlichen Organs, des Gehirns … Die Materie ist nicht ein Erzeugnis des Geistes, sondern der Geist ist selbst nur das höchste Produkt der Materie.‘ (Ebenda, S. 20.)” (S. 8, Z. 21 31.)
Rekonstruieren wir seine Logik:
Erstens behauptet Stalin ohne Unterscheidungen, dass „das Sein das Bewusstsein bestimmt“. In dieser abstrakten Gestalt greift diese Prämisse zu kurz, weil sie Wahrnehmung und Denken gleichsetzt. Wahrnehmung erfährt Gegebenes unmittelbar; Denken hingegen ist mittelbare Reflexion. In dieser Trennung liegt die Freiheit zum Irrtum, die Basis für jede Ideologie über Staat und Kapital. Wie Marx treffend bemerkte: „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Das Denken muss frei genug sein, um sich vom bloßen Schein täuschen zu lassen.
Im zweiten Schritt versucht Stalin seine These zu beweisen, indem er sagt, dass das Gehirn selber ein materielles Objekt ist. Ein Übergang, mit dem er einen Schritt vom konkreten Verhältnis zwischen Sein und Bewusstsein weggeht. Jetzt sagt er nämlich nicht mehr, auf welche Weise das Subjekt zum Objekt steht, sondern nur, dass das Subjekt selber aus Fleisch und Haut, also materiell, ist.
Im dritten Schritt behauptet er dann, dass der Marxismus die Position vertrete, dass die Welt objektiv begriffen werden könne. Jetzt stellt sich die Frage, inwiefern seine anfängliche Behauptung seiner eigenen Logik standhält. Immerhin wäre es nicht nötig, von richtig und falsch zu sprechen, wenn durch den Organismus des Gehirns und den Sinneseindrücken bereits feststünde, was aus dem Sein zu folgern ist. Ist ein geistiger Prozess vor ab determiniert ist die Rede von Richtigkeit überflüssig, weil es ohne hin nur eine Antwort für ein Subjekt geben kann.
An späterer Stelle zitiert Stalin Marx’ Aussage, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, versteht sie falsch und gerät in einen logischen Fehlschluss. An diesem Punkt bricht nämlich Stalins mechanistische Interpretation des materialistischen Grundsatzes, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, endgültig in sich zusammen. Stalin missversteht dieses von Karl Marx im Vorwort von „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ formulierte Verhältnis als ein rein passives Ursache-Wirkungs-Schema. In seiner Lesart gerät das menschliche Bewusstsein zu einer formlosen, trägen Masse – zu einer reinen Gallerte der Verhältnisse –, die von den äußeren materiellen Bedingungen einfach wie in eine Gussform gepresst wird.
Gegen diesen vulgärmaterialistischen Reduktionismus ist mit Marx jedoch einzuwenden, dass das Verhältnis von Sein und Bewusstsein in einer bürgerlichen Gesellschaft durch das Konzept der Charaktermasken vermittelt ist. Marx zeigt im „Kapital“, dass die ökonomischen Rollen, die Individuen einnehmen – ob als Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkaufen muss, oder als Kapitalist, der zur Akkumulation gezwungen ist –, Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind. Die Anpassung an diese Strukturen ist jedoch kein mechanischer, passiver Reflex des Gehirns, sondern ein aktiver, tätiger Vollzug.
Das Subjekt steht den Verhältnissen nicht kontemplativ gegenüber; es muss sich im alltäglichen Überlebenskampf geistig und praktisch an die Sachzwänge des Marktes anpassen. Man muss in den bürgerlichen Denkformen agieren, Verträge schließen, kalkulieren und sich an das gegebene Recht anpassen, um im System überhaupt bestehen zu können. Diese Anpassung ist somit eine Praxis, durch die das Bewusstsein die vorgefundenen Strukturen aktiv erlernt und im Alltag reproduziert.
Indem Stalin diesen Prozess der Anpassung verdinglicht und zu einem unhintergehbaren, fast biologischen Naturgesetz adelt, beraubt er den Marxismus seiner kritischen Sprengkraft. Wenn das Bewusstsein tatsächlich eine reine Gallerte wäre, die das Sein bloß passiv abbildet, bliebe die Entstehung eines kritischen oder gar revolutionären Bewusstseins ein unlösbares Rätsel: Aus einem rein kapitalistischen oder zaristischen Sein könnte das biologische Organ des Gehirns folglich auch nur kapitalistische oder zaristische Gedanken absondern. Ein Bruch mit den herrschenden Verhältnissen wäre unmöglich, da die materielle Gussform keine andere Form zuließe. Das ist fatal, weil Stalin selber später auf Marx zurückgreift mit der Aussage, dass eine Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift.
Die Charaktermaske wird von Marx als materielles Verhältnis begriffen, in dem das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein formiert: Individuen müssen sich im Kapitalismus als ökonomische Funktionäre von Ware, Geld und Kapital betätigen, um ihre materielle Reproduktion zu sichern. Diese Anpassung ist kein Mangel an Freiheit, sondern das logische Resultat einer Produktionsweise, die auf dem stummen Zwang des Werts beruht. Im bürokratischen Antikapitalismus sowjetischer Prägung wurde diese Erkenntnis in ein Instrument staatlicher Herrschaft verkehrt. Anstatt die abgesonderte politische Gewalt und die Wertform aufzuheben, setzte sich die Partei an die Stelle der Klasse und verwaltete den fortbestehenden ökonomischen Zwang. Die Ideologie, die das Bewusstsein zum reinen Produkt objektiver Gesetze erklärt, unterschlägt die materielle Realität: Es ist die durch den Staatsapparat erzwungene Reproduktion nicht-sozialistischer Formen (wie der Lohnarbeit), welche diese Verhältnisse künstlich aufrechterhält. Die Behauptung einer objektiven geschichtlichen Notwendigkeit dient hierbei als Ersatz für die tatsächliche Emanzipation der assoziierten Produzenten.
Noch einmal hat sich gezeigt, dass Marxismus Wissenschaft statt Weltanschauung sein muss!

