Alex Karp und die technologische Aufrüstung des Westens
von M.G.
Seit mehreren Monaten schien Alex Karp überall zu sein. Zuerst fielen mir die Interviews auf, dann die Auftritte auf Konferenzen und schließlich die Titelseiten der Wirtschaftsmagazine. Vorstandsvorsitzende sprechen gewöhnlich in einer Sprache, die darauf ausgelegt ist, Macht harmlos erscheinen zu lassen. Karp tut das Gegenteil. Er spricht über Waffen, Niedergang, Feigheit und die Möglichkeit, dass der Westen verlieren könnte, weil seine herrschende Klasse nicht mehr weiß, was sie will. Die Inszenierung kann lächerlich wirken. Sie kann aber auch aufschlussreich sein. Das reichte aus, um mich dazu zu bringen, The Technological Republic zu lesen, das Karp gemeinsam mit Nicholas Zamiska verfasst hat.
Das Buch liest sich wie ein düsterer Kommentar zu einer Maschine, deren Leistung ihre Urheber nicht mehr zufriedenstellt. Was sie vor allem diagnostizieren, ist ein Verlust an Reaktions- und Handlungsfähigkeit. Die klassischen Instrumente ziviler Verwaltung und militärischer Machtprojektion ersticken ihrer Darstellung zufolge unter einer überholten Architektur, während jeder Staat, der diesen Zustand duldet, im Wettlauf der Mächte zurückfällt. Diese Diagnose verdient es, ernster genommen zu werden, als das Genre vermuten lässt, weil sie reale Widersprüche der amerikanischen Staatsmacht benennt. Gerade deshalb lohnt es sich, ihr Schritt für Schritt bis zu dem Punkt zu folgen, an dem sie zu einem politischen Programm wird. Als das Pentagon, wie das Buch an einer Stelle berichtet, während des Golfkriegs daran scheiterte, einfache Motorola-Funkgeräte auf dem freien Markt zu beschaffen, weil ein byzantinisches Beschaffungssystem jede Handlung mit Vorschriften umschloss, war dies mehr als eine Anekdote über administratives Versagen. Für die Autoren ist es das Symptom einer Staatsmacht, die allmählich die Fähigkeit verliert, ihre globalen Ansprüche mit „technologisch veralteten Gewaltmitteln“ durchzusetzen. Zur selben Diagnose gehört die traditionelle Rüstungsindustrie, verkörpert durch Konzerne wie Lockheed Martin, deren Systeme jahrzehntelang entwickelt werden und sich, so die Autoren, längst von den Realitäten der Front entfernt haben. Während Washington über Compliance, ethische Richtlinien für Algorithmen und die pazifistischen Skrupel der eigenen Tech-Beschäftigten debattiert, investieren die Konkurrenten, allen voran China, in autonome Drohnenschwärme, Gesichtserkennung und KI-gestützte Kriegsführung. Die Vereinigten Staaten, so lautet die Diagnose, laufen Gefahr, den Konkurrenzkampf der Zukunft an die administrative Trägheit ihres eigenen Apparats zu verlieren.
“A moment of reckoning has arrived for the West. The loss of national ambition and interest in the potential of science and technology […] have created an innovation gap. The state has retreated from the pursuit of the kind of large-scale breakthroughs that gave rise to the atomic bomb and the internet […]. Silicon Valley, meanwhile, turned inward, focusing its energy on narrow consumer products, rather than projects that speak to and address our greater security and welfare.”
— Alex C. Karp/Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic, Preface.
Hier formuliert jene Fraktion des Technologiekapitals, die die Architektur algorithmischer Kriegsführung errichtet, die Bedingungen neu, unter denen die amerikanisch geführte Macht des Westens erhalten werden soll. Die Trennung, die sich das Silicon Valley jahrzehntelang vorgestellt hat – hier zivile Innovation, dort staatliche Gewalt, Markt und Militär als getrennte Welten –, soll aufgehoben werden. Karp liefert die Theorie einer durch Software geprägten Staatsräson: Der Staat soll seine bürokratischen Fesseln lockern, das Technologiekapital seine konsumistische Selbstbezogenheit überwinden, und beide sollen in einer Republik miteinander verschaltet werden, deren Legitimität sich stärker aus technologischer Überlegenheit, der Bereitstellung von Sicherheit und geopolitischer Handlungsfähigkeit ableitet. Angesichts dieser Stoßrichtung sollte man die Abkürzung vermeiden, Karp schlicht als antiliberal zu behandeln. Das Buch bekennt sich zu individuellen Rechten, Marktwirtschaft und demokratischer Legitimität. Sein Programm gibt die liberale Ordnung nicht auf, sondern ordnet sie entlang autoritärer und nationalstrategischer Linien neu. Der gewöhnliche Betrieb der Republik soll dauerhaft an geopolitischer Leistungsfähigkeit ausgerichtet werden: Was der Nation dient, soll ausgebaut werden; was ihre Handlungsfähigkeit behindert, soll verkürzt, umgebaut oder durch technische Lösungen ersetzt werden.
Der langsame Tod der Konsumideologie
Roosevelt schreibt an Vannevar Bush, das Manhattan-Projekt versammelt eine ganze Generation von Physikern unter einem militärischen Zweck, und aus den Forschungsprogrammen der 1940er-Jahre gehen Vorläufer der künstlichen Intelligenz und schließlich die Halbleiterindustrie selbst hervor. Fairchild baut Aufklärungstechnologie für Spionagesatelliten der CIA, während zeitweise jede ballistische Rakete der US-Marine im Santa Clara County hergestellt wird. Aus diesen Namen und Episoden entsteht eine genealogische Behauptung: Der Mythos der Garage verdeckt die Kaserne. Das Valley stellt sich gern als Kind individuellen Genies dar, doch die technologische Macht, auf der es beruht, ging aus dem Staat, aus öffentlicher Finanzierung und aus großen nationalstaatlichen Projekten hervor. Wo man den Gründern Heuchelei vorwerfen könnte, behauptet das Buch eine objektive Zugehörigkeit zur amerikanischen Staatsmacht, selbst dort, wo sie sich ideologisch als deren Gegenteil verstehen. Wer aus dem militärisch-staatlichen Komplex hervorgegangen ist, soll sich daher erneut in den Dienst des Staates stellen.
Lee Felsenstein wollte den Personal Computer als Ausweg aus institutionellen Zwängen, während Stewart Brand in der Verachtung der Gegenkultur für zentrale Autorität das philosophische Fundament eines führungslosen Internets sah. Über Apples Werbespot „1984“ und die Heroisierung des Individuums gegen den Großrechner mündet diese Erzählung schließlich im Konsum: Der Nutzer ersetzt den Bürger, der Konsument die Nation, die App das große Projekt. Unter der Orientierung an profitablen Märkten bestimmte die Verwertbarkeit die weitere Gestalt der Industrie, und die Sprache individueller Befreiung wurde zur Ideologie eines Sektors, dessen Geschäftsmodelle auf Datenextraktion und Plattformmonopolen beruhten. Geistiges Eigentum verwandelte technisches Wissen in exklusive Geschäftsgrundlagen, Netzwerkeffekte belohnten jene Unternehmen, die Kommunikation in private Infrastruktur verwandelten, und die kostenlose Nutzung vieler Dienste wurde durch die kommerzielle Vermessung ihrer Nutzer bezahlt. Der Staat garantierte unterdessen die Bedingungen dieses Geschäftsfeldes, während seine Forschungsprogramme weiterhin wesentliche technologische Grundlagen lieferten. Die politische Sprache der Gegenkultur begleitete die kapitalistische Aneignung einer Technologie, deren gesellschaftlicher Zweck durch die Profitabilität der Unternehmen bestimmt wurde, die sie kontrollierten. Karp und Zamiska benennen das Ergebnis ohne Beschönigung: Das moderne Valley löste sich von seiner direkten Beziehung zur Regierung und konzentrierte seine Energien auf Onlinewerbung, soziale Medien, Einkaufen, Foto-Apps und Essenslieferungen, während medizinische Durchbrüche, Bildungsreformen und militärischer Fortschritt auf sich warten ließen. Was Karp an diesem Befund interessiert, ist weniger eine moralische Klage über Konsumgewohnheiten. Die Frage, ob zu viel gekauft oder genossen wird, überlässt er anderen. Ihn beschäftigt eine gewichtigere Kategorie: die strategische Fehlallokation gesellschaftlicher Intelligenz.
“The criticism of that early generation of startups focused on their lack of discipline and reckless spending, as well as the abandonment of any rigor or scrutiny from their investors. But there was a far more fundamental misallocation of resources, of capital and talent. The failing of that early internet era was its rush to serve the needs of the consumer at the expense of those of the nation-state or public.”
— Alex C. Karp/Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic, Chapter Nine, Lost in Toyland.
Ein im Technologiesektor tätiges Kapital verhält sich nach seinen eigenen Maßstäben rational, wenn es Plattformen für Märkte entwickelt, die von zahlungsfähiger Nachfrage getragen werden, weil dort sein Vorschuss einen Profit verspricht. Die Konkurrenz der Kapitale sortiert technologische Möglichkeiten nach ihrer erwarteten Verwertung. Gesellschaftliche Bedürfnisse und strategische Staatszwecke müssen zunächst als zahlungsfähige Nachfrage erscheinen: die ersteren durch Einkommen oder öffentliche Bereitstellung, die letzteren durch garantierte Aufträge. Ein Medikament dient der Behandlung von Krankheiten; ein militärisches Zielsystem organisiert Gewalt. Für private Investitionen können beide zu Trägern von Profit werden. Der Staat verfügt über Instrumente, mit denen er die Verwertungsbedingungen verändert, strategische Bedürfnisse in sichere Geschäftsmöglichkeiten übersetzt, Risiken vergesellschaftet und Märkte schafft, die ohne seine Nachfrage nicht existieren würden. Palantir ist der Modellfall: Was für den Staat Überwachung oder Kriegsführung darstellt, erscheint in der Bilanz des Unternehmens als Umsatz. Die alte Doktrin des Valleys lautete: Baue, was die Nutzer wollen, skaliere global, lass den Markt entscheiden und halte den Staat auf Abstand. Karp kehrt den letzten Satz um. Der Staat soll die profitablen Gelegenheiten schaffen, durch die sich die technologisch führenden Unternehmen entwickeln können, während sie zugleich der nationalen Macht dienen.
“But why must we always defer to the wisdom of the crowd when it comes to allocating scarce capital in a market economy? We seem to have unintentionally deprived ourselves of the opportunity to engage in a critical discussion about the businesses and endeavors that ought to exist, not merely the ventures that could. The wisdom of the crowd at the height of the rise of Zynga and Groupon in 2011 made its verdict clear: these were winners that merited further investment. Tens of billions of dollars were wagered on their continued ascent. But there was no forum or platform or meaningful opportunity for anyone to question whether our society’s scarce resources ought to be diverted to the construction of online games or a more effective aggregator of coupons and discounts. The market had spoken, so it must be so.”
— Alex C. Karp/Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic, Chapter Fifteen, Into the Desert.
In diesem Sinne ist seine Position postneoliberal von rechts. Sie bringt den Staat nicht in eine Wirtschaft zurück, aus der er zuvor abwesend gewesen wäre, sondern verwirft ausdrücklich den Markt als alleinige Instanz gesellschaftlicher Zwecksetzung. Nationale Sicherheit und technologische Souveränität sollen private Investitionen überall dorthin lenken, wo deren spontane Profitabilitätskalkulation die Grundlagen staatlicher Macht vernachlässigt. Risikokapital soll eng mit dem Militär verbunden werden, während Privateigentum und privater Profit die Grundlage dieser Verbindung bleiben. Die Frage lautet, wie die gesellschaftliche Produktion der Kontrolle privater Eigentümer und der Konkurrenz der Staatsmächte entzogen werden kann. Karps Diagnose streift diesen Zusammenhang, weil sie die Gleichgültigkeit privater Investitionen gegenüber bestimmten Inhalten bemerkt. Sein politisches Problem beginnt dort, wo diese Gleichgültigkeit der amerikanischen Macht schadet. Dazu gehört auch der vertraute, aber unterschätzte Punkt über die moralische Verfasstheit jener Ingenieure, die menschliches Verhalten vermessen und Aufmerksamkeit in Werbeeinnahmen verwandeln, jedoch eine moralische Grenze ziehen, sobald ihre Software dem Militär dienen soll. Karp erwidert, dass sie den Frieden und die Freiheit genießen, die eben dieses Militär bereitstellt. Für ihn ist dies die Heuchelei einer Elite, die sich ihre Reinheit leisten kann, weil andere für ihre Sicherheit bezahlen. Die Ingenieure bilden sich ein, in Werbung, Plattformen und Konsum für zivil bleiben und erst bei Drohnen, Zielerfassung und Waffensystemen politisch werden zu können, als trenne eine saubere Linie die vermeintlich harmlosen von den millitärisch folgenreichen Anwendungen derselben Verfahren. Was als Charakterfehler von Programmierern erscheint, beruht auf der falschen Vorstellung, zivile Technologie stehe außerhalb der politischen und militärischen Architektur der Gesellschaft, in der sie entwickelt wird. Die Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Anwendungen ist real, doch sie trennt keine gesellschaftlich unschuldige Technologie von Systemen, die erst politisch werden, sobald sie in eine Waffe eingebaut werden. Datenspeicher, Rechenzentren und Kommunikationsplattformen sind bereits durch Eigentum, Überwachung und Staatsmacht geprägt. Das verleiht der Technologie kein von ihrer konkreten Gestalt unabhängiges politisches Wesen. Ein Algorithmus trägt nicht von Natur aus den Charakter von Herrschaft, doch seine Architektur verkörpert die Zwecke, Anforderungen und Risiken, für die er entwickelt wurde. Ein System zur biometrischen Identifizierung, Zielerfassung oder automatisierten Priorisierung militärischer Entscheidungen lässt sich nicht wie ein neutrales Werkzeug aus seinem Zusammenhang lösen und beliebig einem anderen Zweck unterordnen.
Zweck und Gestalt der Produktivkräfte sollen weiterhin durch private Kontrolle und zwischenstaatliche Konkurrenz bestimmt bleiben, und die zivile Technologie soll ihre vermeintliche Unschuld ablegen und sich offen in die strategische Infrastruktur des Staates einfügen. Künstliche Intelligenz verschärft diese Diagnose, weil sie der älteren Klage über das Konsuminternet einen strategischen Gegenstand verleiht. Was KI hinzufügt, ist nicht die militärische Bedeutung von Software als solcher, sondern ein neuer Grad operativer Integration von Berechnung, Wahrnehmung, Zielerfassung und autonomem Handeln. Das 21. Jahrhundert, schreiben die Autoren, werde das Jahrhundert der Software sein, und die entscheidende Aufgabe bestehe darin, das Pentagon von einer Institution für kinetische Kriegsführung in eine Organisation zu verwandeln, die KI-Waffen entwickeln und beschaffen kann. Solange Software hauptsächlich das Internet organisierte, konnte sich das Valley als zivile Konsumindustrie missverstehen; mit KI verliert diese Selbstbeschreibung an Plausibilität, weil verwandte Modelle, Recheninfrastrukturen und Verfahren der Mustererkennung sowohl in kommerziellen Anwendungen als auch in militärischer Aufklärung und Kriegsführung eingesetzt werden können. Karp fordert daher den Übergang vom Konsuminternet zur Kriegs-KI. Damit diese Verbindung privater Verwertung und staatlicher Konkurrenzzwecke funktioniert, muss sich jedoch auch der Staatsapparat selbst verändern.
Der operative Umbau des Beschaffungsstaates
Die Staatsräson, in deren Dienst Karp die Produktivkräfte zurückführen will, muss eine institutionelle Form annehmen. Warum der Staat nicht zu schwach, sondern zu langsam ist, veranschaulicht er anhand einer Geschichte verlorener Nähe. In den Werkstätten des Zweiten Weltkriegs besuchten amerikanische Kampfpiloten die Fabrikhallen von Grumman auf Long Island, um den Konstrukteuren der F6F Hellcat mitzuteilen, was im Luftkampf über dem Pazifik funktionierte und was versagte. Erbauer und Nutzer standen nebeneinander, und die Maschine wurde verbessert. Ein halbes Jahrhundert später ist diese Nähe in Afghanistan zerbrochen. Während Soldaten der 82. Luftlandedivision nachts in Kandahar vor ihren Laptops sitzen und eine Spezialoperation für den nächsten Morgen vorbereiten, entwickelt Lockheed Martin in einem Vorort von Virginia ein militärisches Aufklärungs- und Analysesystem in einem jahrelangen Beschaffungsprozess, der mehr Vorbereitung und Planung als tatsächliche Programmierung verschlingt. Das Resultat ist eine abstrakte Vorstellung davon, wie Software aussehen sollte, weitgehend gleichgültig gegenüber der Frage, ob die Einheit in Kandahar damit arbeiten kann. Die Truppen wollen etwas anderes: Sie wollen Palantir, und sie wollen es sofort. Bei der eigens geschaffenen Rapid Equipping Force, das innerhalb von drei bis sechs Monaten liefern sollte, wofür das Beschaffungssystem sonst Jahre oder Jahrzehnte benötigte, stapeln sich die Anträge. Offiziere umgehen die Dienstwege und schreiben direkt die Befehlskette hinauf. Einer hält fest, dass das interne Analysesystem die Arbeit erschwere, wäre d Palantir einen nachrichtendienstlichen Vorteil verschaffe; ein anderer schreibt, der fehlende Zugang habe zu verpassten operativen Gelegenheiten und unnötigen Risiken für die Truppe geführt. Aus der Beschwerde von der Front wird eine juristische Kampagne. Der Federal Acquisition Streamlining Act von 1994 verpflichtete Bundesbehörden dazu, kommerziell verfügbare Lösungen zu prüfen, bevor sie neue Spezifikationen entwickelten und eigene Systeme bauten. Palantir berief sich 2016 auf diese Bestimmung und verklagte die US Army vor dem Court of Federal Claims. Richterin Marian Blank Horn entschied zugunsten des Unternehmens, weil die Army nicht ausreichend geprüft hatte, ob auf dem Markt verfügbare Produkte ihren Bedarf decken konnten. Das Berufungsgericht bestätigte das Urteil 2018. Im folgenden Jahr setzte sich Palantir im Wettbewerb um eine taktische Erweiterung des Distributed Common Ground System-Army gegen Raytheon durch. Erstmals übernahm ein Unternehmen aus dem Valley die führende Rolle in einem zentralen Beschaffungsprogramm der Army. Das Buch erzählt die Episode als Sieg der Vernunft über den Apparat. Genauer gesagt nutzte Palantir erfolgreich das Beschaffungsrecht, um einen Markt aufzubrechen, dessen etablierte Verfahren etablierte Auftragnehmer und intern entwickelte Systeme begünstigt hatten. Daraus gewinnen die Autoren ein strukturelles Bild, in dem Hunderttausende Bundesangestellte die staatlichen Einkäufe verwalten, während die maßgebliche Verhaltensregel darin besteht, kein Aufsehen zu erregen und alles Ungewöhnliche zu vermeiden, was die eigene Karriere gefährden könnte. Die Risikoaversion ist in einen Apparat eingeschrieben, der seine Beschäftigten dafür belohnt, sich selbst abzusichern, und sie dafür bestraft, etwas zu wagen. In Karps Diagnose hat Compliance die Leistung verschlungen.
Palantir verkörpert dieses operative Ideal des Staates. Kleine Teams arbeiten nah am Problem, iterieren, wo der Apparat plant, und improvisieren, wo er Vorschriften ausführt. Die Beschäftigten gehen an die Front, statt im Vorort auf die Spezifikation zu warten, und Karp empfiehlt dieses Modell der gesamten Republik: der Polizei, der Medizin, den Schulen und allen anderen Bereichen, in denen er eine vom Fortschritt unberührte Wüste sieht. Das amerikanische Beschaffungssystem verwandelt die Vermeidung persönlicher Verantwortung in eine berufliche Tugend, erzeugt Verzögerungen und schützt etablierte Anbieter. Die traditionelle Rüstungsindustrie hat sich langfristig Zugänge gesichert, während technische Fehler über Jahre fortgeführt werden können, weil ihr Abbruch neue Verantwortung erzeugen würde.
Diese Darstellung vermengt unterschiedliche Ursachen institutioneller Langsamkeit. Rechtliche Vermittlung, Haushaltskontrolle und bürokratische Selbstbezogenheit erscheinen als gleichartige Hindernisse, obwohl sie aus unterschiedlichen Funktionen des Staatsapparats hervorgehen. Die Ausgaben des Staates sind eine Ausübung öffentlicher Gewalt, finanziert durch zwangsweise erhobene Einnahmen und vollzogen im Namen des politischen Gemeinwesens. Das Beschaffungsrecht trennt Amt und persönlichen Besitz, erkennt konkurrierende Anbieter als rechtlich gleiche Eigentümer an und unterwirft ihren Wettbewerb um öffentliche Aufträge allgemeinen Verfahren. Dokumentationspflichten und Aufsicht sollen gewährleisten, dass eine Vergabe als Akt öffentlicher Verwaltung gilt und nicht als persönliche Begünstigung oder Beute eines Amtsträgers. Diese Allgemeinheit ist die politische Form, in der der bürgerliche Staat den unmittelbaren Zugriff besonderer Interessen beschränkt. Daraus folgt weder ein bestimmter Beschaffungszeitraum noch eine bestimmte Organisationsform. Der Staat kann Direktvergaben erlauben, Ausnahmen schaffen, nationale Anbieter bevorzugen und strategische Projekte außerhalb der gewöhnlichen Verfahren organisieren. Karp greift weniger die Rechtsform selbst als deren Gewichtung an. Ergebnisse sollen gegenüber Kontrolle aufgewertet werden. Kommerzielle Anbieter werden früher einbezogen, Systeme fortlaufend entwickelt und Unternehmen enger in die praktische Arbeit öffentlicher Behörden integriert.
Der operative Modus des Staates besteht in diesem Umbau innerhalb der bestehenden Staatsform: Behörde, Nutzer und Anbieter arbeiten enger zusammen, damit Entscheidungen schneller in technische Fähigkeiten übersetzt werden können. Wie weit diese Richtung bereits institutionalisiert ist, zeigt das Enterprise Agreement, mit dem die US Army im Jahr 2025 insgesamt 75 bestehende Verträge mit Palantir zusammenführte. Der Staat nutzt die Rechtsform, um seine Software- und Datenanforderungen bei einem privaten Plattformanbieter zu konzentrieren. Darin liegt die Ironie von Palantirs Aufstieg. Das Unternehmen nutzte eine Bestimmung des Beschaffungsrechts gegen die etablierte Beschaffungsbürokratie, um einen von traditionellen Konzernen beherrschten Staatsmarkt aufzubrechen. Die Befreiung des Staates von bürokratischer Trägheit und die Einbettung eines Sicherheitstechnologieunternehmens in die Exekutive sind zwei Seiten desselben Vorgangs. Palantir nutzt das Recht, um eine Beschaffungslogik durchzusetzen, in der der Anbieter aus der Distanz zu einem dauerhaft integrierten Bestandteil staatlicher Praxis wird. Diese Nähe schafft Geschwindigkeit und eine neue Abhängigkeit. Palantirs Plattform bleibt an Datenmodelle und das Wissen des Herstellers gebunden. Wer diese technische Infrastruktur kontrolliert, gestaltet mit, worauf ein Apparat seine Entscheidungen stützen kann. Der Staat gewinnt Beweglichkeit, indem er einen Teil seiner technischen Wahrnehmungs- und Entscheidungsform einem Kapital überlässt, das innerhalb seines Apparats arbeitet, ohne mit ihm identisch zu werden. Die gepredigte Effizienz hat einen Eigentümer und eine Bilanz. Die zwischenstaatliche Konkurrenz verleiht diesem Umbau Dringlichkeit. Chinas Geschwindigkeit erscheint als Argument gegen die eigenen Verfahren; demokratische und administrative Vermittlung wird zu einer potenziellen Kostenstelle der Macht. Die Spezifikation wird zur Plattform, die Ausschreibung zur kontinuierlichen Integration und der Anbieter zum operativen Partner.
Warum der Algorithmus die Nation braucht
Der operative Modus des Staates ist eine Maschine, und Maschinen besitzen keinen Willen. Sie zielen und schlagen zu, doch andere bestimmen das Ziel, und jemand anderes stirbt für das Ergebnis. Die technologische Republik benötigt daher Ingenieure, die bereit sind, Waffen zu bauen, und eine Bevölkerung, die dies für legitim hält. Karps Antwort auf das Problem des politischen Willens ist die Nation oder, genauer gesagt, ihre bewusste Rekonstruktion. Eine ganze gebildete Schicht, so argumentiert er, habe dem Westen den Glauben an sich selbst aberzogen. Kanonische Lehrveranstaltungen zur westlichen Zivilisation, einst ein Initiationsritus des Universitätslebens, gerieten unter Verdacht, bis schließlich der Westen als Begriff selbst infrage gestellt wurde. Allan Blooms Klage über eine Offenheit, die sich in Beliebigkeit auflöst, und Edward Saids Kritik des Orients als europäischer Machtkonstruktion werden derselben Bewegung zugeordnet. Karp behandelt konservative Kulturkritik und die Analyse imperialer Wissensproduktion als zwei Stadien der Selbstauflösung, weil beide eine ungebrochene positive Identifikation mit dem Westen untergraben.
Die Präsidentinnen von Harvard, Penn und MIT liefern ihm das jüngste Bild einer Elite, die politisches Urteil in Verfahrenssprache auflöst. Bei der Anhörung im Kongress im Dezember 2023 weigerten sie sich, die hypothetische Frage, ob ein Aufruf zum Völkermord an Juden als solcher gegen ihre Verhaltenskodizes verstoße, mit einem kategorischen Ja oder Nein zu beantworten, und verwiesen stattdessen auf den Kontext und die Schwelle zu sanktionierbarem Verhalten. Die Forderung nach Abschaffung der Polizei wiederum dient als Modell dessen, was Rob Henderson einen „Luxusglauben“ nennt: eine Überzeugung, deren Kosten von anderen getragen werden als von der Person, die sie vertritt. Aus diesen Beispielen entsteht eine Diagnose: Der Westen hat seine eigenen Überzeugungen der Kritik unterzogen, ohne einen neuen positiven Zweck hervorzubringen, und in das daraus entstandene Vakuum sind der Markt, das Privatleben und die Verwaltung konkurrierender Werte getreten. Dagegen ruft das Buch die Nation zurück und stützt sich ausgerechnet auf Theorien, die sie als historische Konstruktion beschrieben. Benedict Andersons vorgestellte Gemeinschaft und Ernest Renans Formulierung von der Nation als täglichem Plebiszit werden zum Bauplan. Renan definierte die Nation 1882 als eine große Solidarität, geschaffen durch das Gefühl bereits erbrachter und noch zu erbringender Opfer. Karp benötigt genau diese Formel, weil sie das Opfer in den Begriff der Nation einbaut: Wenn die Gemeinschaft vorgestellt ist, kann sie politisch erneuert werden; wenn ein gemeinsamer Mythos fehlt, soll man einen schreiben. Alasdair MacIntyres Mahnung, gegen einen alles verzehrenden Pluralismus neue Formen der Gemeinschaft aufzubauen, liefert die philosophische Deckung. Karp verteidigt ausdrücklich den Namen Palantir, der nach Tolkiens Sehsteinen benannt, gegen den Verdacht, solche Anleihen seien politisch belastet.
An einer Stelle wird das Argument ungewöhnlich offen. Die Bindung an Kapitalismus und individuelle Rechte werde niemals ausreichen, sagen die Autoren, weil sie zu dünn sei, um die menschliche Seele zu tragen. Über Jahrhunderte hätten die liberalen Demokratien des Westens vom geborgten Kapital der Kirche gelebt; wenn die Elite ihren Angriff auf die organisierte Religion fortsetze, stelle sich die Frage, was den Staat künftig tragen solle.
Zwischen den privaten Zwecken, deren Verfolgung die bürgerliche Ordnung ihren Mitgliedern auferlegt, und den globalen Zwecken der Staatsmacht besteht ein Unterschied. Individuelle Rechte verweisen die Einzelnen auf ihren privaten Erfolg; die Bindung an ein politisches Ganzes erfordert eine zusätzliche Identifikation. Diese politische Einheit wird vom Staat hergestellt. Er fasst Lohnarbeiter und Kapitaleigentümer als Bürger desselben Gemeinwesens zusammen, ordnet ihre Gegensätze rechtlich und vertritt die Gesellschaft nach außen als Nation. Im Nationalismus erscheint die gemeinsame Abhängigkeit von dieser Gewalt als Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Sache: Der Staat wird zum eigenen Staat, seine Siege und Niederlagen zu denen seiner Bürger. Schutzversprechen und Feindbilder geben dieser Identifikation Anknüpfungspunkte; Schulen, Armeen, Feiertage und politische Rituale verdichten sie zu einer vorgestellten Gemeinschaft. Der gemeinsame Mythos soll die bestehende politische Einheit bewusst beleben, ihre Gegensätze in eine gemeinsame Geschichte einordnen und die Bereitschaft zum Opfer erzeugen, bevor der Ernstfall eintritt. Karps Figur des Konsumenten reicht für diese Aufgabe nicht aus. Ein Konsument verfolgt seinen eigenen Vorteil; ein Bürger soll fähig sein, diesen Vorteil im Namen der Nation zurückzustellen. Für das Bruttoinlandsprodukt oder den Aktienkurs von Palantir zu sterben, wäre ein schlechter Witz. Nation und politische Gemeinschaft übersetzen daher die Bedürfnisse der Staatsmacht in eine Sache, für die das Opfer sinnvoll erscheinen soll.
Der Algorithmus braucht die Nation, weil er allein niemanden findet, der bereit ist, für ihn zu sterben. Die Technologie verlangt keinen Tod. Der Staat tut es, wenn er sich entscheidet, diese Gewaltmittel einzusetzen. Die beteiligten Unternehmen liefern diese Mittel für Profit.
Die technologische Republik
Karp hat sein Buch dreimal geschrieben: als Kritik der Marktallokation, der administrativen Vermittlung und des liberalen Individualismus. Erst gemeinsam bilden die drei Fassungen ein Programm. Was die westliche Selbsterzählung als Freiheit feiert, erscheint unter dem Druck zwischenstaatlicher Konkurrenz als Schwäche: Die Konkurrenz der Kapitale verteilt die Produktivkräfte nach ihrer erwarteten Verwertung, das Recht vermittelt staatliches Handeln und begrenzt dessen unmittelbaren Zugriff, und der Individualismus bindet die Subjekte an ihren persönlichen Erfolg. Gegenüber einem Gegner wie China, so argumentiert das Buch, wird diese dreifach verselbstständigte Logik zum Risiko. Karps Antwort ist die technologische Republik. Das Buch zitiert stolz eine Grafik, der zufolge gründergeführte Unternehmen den Markt übertreffen; diese Gründer sollen mit ihrem Eigentümerinstinkt und ihrer Bereitschaft, etwas aufzubauen, in den öffentlichen Dienst eintreten, während der Staatsbedienstete seinerseits wie ein Gründer bezahlt und behandelt werden soll. Als Vorbilder dienen Singapur unter Lee Kuan Yew, das seine hohen Beamten großzügig bezahlte, und unbeugsame Macher nach dem Vorbild Admiral Rickovers, der das Atom-U-Boot gegen den Apparat durchsetzte. Palantir ist in dieser Ordnung zugleich Modell und Nutznießer: das Unternehmen, das die Verbindung von Software und Staatsmacht demonstriert, und das Unternehmen, das von ihr profitiert. Diese Verbindung besitzt auch eine subjektive Kehrseite, an der der anthropologische Kern des Programms sichtbar wird.
“An ownership culture must be allowed and encouraged to take root in our society. […] Silicon Valley went much further, and the strategy proved essential to its success.”
— Alex C. Karp/Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic, Chapter 18, An Aesthetic Point of View.
Der alte Typ des Staatsbediensteten ist im Buch an die Regel gebunden und besitzt gerade deshalb kein persönliches Engagement. Er verwaltet ein Amt, das ihm nicht gehört, trägt kaum persönliche Verantwortung für dessen Erfolg und gewinnt Sicherheit aus der Befolgung von Verfahren. Die empörte Frage, warum ein General, dem Soldaten und Material anvertraut sind, geringer geschätzt und bezahlt werden soll als ein mittelmäßiger Manager, verweist auf diesen neuen Typus: den Diener des Staates, der das Amt mit dem Einsatz eines Eigentümers behandelt. Karp überträgt das Verhältnis des Unternehmers zum Unternehmen auf das öffentliche Amt, sodass Erfolg und Misserfolg der Institution als persönliche Angelegenheit ihrer Führung erscheinen. Die Unpersönlichkeit des Staatsbediensteten erfüllt in der liberalen Staatsform einen bestimmten Zweck: Sie trennt Amt und Person, bindet Entscheidungen an Regeln und begrenzt den Zugriff besonderer Interessen. Das unternehmerische Verantwortungsverhältnis verschiebt diese Grenze. Karp versteht diese Spannungen als Steuerungsproblem. Privateigentum, Lohnarbeit, Konkurrenz und die von der Gesellschaft getrennte Staatsmacht stehen am Ende seines Programms dort, wo sie bereits am Anfang standen; geändert wird die Form, in der sie zur Weltmacht organisiert werden. Eine solche Reparatur kann nach ihrem eigenen Maßstab gelingen. Der Staat kann Kapital in strategische Sektoren lenken, neue Märkte schaffen, Beschaffung beschleunigen und private Unternehmen enger an seine Gewaltapparate binden. Er kann auch nationalistische Loyalität kultivieren und seine Bürger für die geopolitische Konkurrenz mobilisieren. Karp hält an demokratischer Legitimität fest und gewichtet die Legitimationsformen neu, die bereits in der bürgerlichen Demokratie nebeneinander bestehen. Die Öffentlichkeit, so behauptet er, werde der politischen Klasse beinahe alles verzeihen, letztlich jedoch nicht das Versäumnis, verfügbare Technologie zur Bereitstellung wesentlicher Güter zu nutzen: Sicherheit, Infrastruktur, medizinische Versorgung und militärische Schlagkraft. Auch demokratische Herrschaft rechtfertigt sich durch Sicherheit, Wachstum, Versorgung und die erfolgreiche Vertretung der Nation. Verfahren gelten insoweit als bewährt, als sie die Handlungsfähigkeit des Staates erhalten; wo sie als Hindernisse erscheinen, sollen sie umgebaut werden.
Karp präsentiert damit ein politisches Programm, in dem die demokratischen und administrativen Vermittlungen des bürgerlichen Staates der geopolitischen Leistungsfähigkeit untergeordnet werden. Sie werden nicht abgeschafft, sondern verkürzt, mit Ausnahmen versehen oder umgebaut, wo immer sie die Handlungsfähigkeit des Staates zu behindern scheinen. Die bereits in der Industriepolitik verwirklichten Bestandteile des Programms markieren eine institutionelle Verschiebung, deren Reichweite offenbleibt. Sie offenbaren den Maßstab, nach dem bestehende Institutionen rekonstruiert werden. Das Ganze als Faschismus einzuordnen, ersetzt die Bestimmung des Programms durch ein Etikett. Palantirs Projekt berührt Motive, die historisch vom Faschismus radikalisiert wurden: die Verachtung langsamer Vermittlung, den Vorrang nationaler Handlungsfähigkeit, die kulturelle Belebung der Herrschaft und das Opfer für die Nation. Karps konkrete politische Form ist ein autoritärer, nationalliberaler Umbau bestehender Institutionen von oben, getragen von Gründern, Ingenieuren, Militärs und Sicherheitsbeamten. Eine faschistische Massenbewegung, eine rassisch definierte Volksgemeinschaft und Einparteienherrschaft gehören nicht zu diesem Entwurf. Das macht Karps Programm über Palantir hinaus bedeutsam. Je stärker die Rivalität um Märkte, Technologien und militärische Überlegenheit wird, desto eher betrachtet eine Staatsmacht die Langsamkeit ihrer Verfahren, die private Verteilung strategischer Ressourcen und die begrenzte Opferbereitschaft ihrer Bevölkerung als Hindernisse. Dieser Druck wirkt jedoch nicht auf jeden Staat in derselben Weise. Eine Weltmacht, ein abhängiger Verbündeter und eine kleine Nationalökonomie verfügen über unterschiedliche wirtschaftliche, militärische und politische Mittel; sie stehen nicht als gleichrangige Konkurrenten nebeneinander, sondern bilden eine hierarchisch strukturierte Staatenwelt. Karps Vorschläge sind der amerikanische und besonders systematische Ausdruck eines allgemeinen Drucks hin zu strategischer Industriepolitik, militärischer Beschleunigung und engerer Integration technologischer Kapitale. Die Schärfe dieses Programms wird an einer weiteren Front sichtbar, die bereits zu Beginn des Buches eröffnet wird. Es zitiert Thomas Schelling, für den die Fähigkeit, einem Gegner Schaden zuzufügen, die wirkliche Macht des Verhandelns begründet, und verwandelt dies in den Vorwurf, der Westen habe diese Wahrheit vergessen. Weil er sich als Sieger der Geschichte begreift, verwechselt er moralische Überlegenheit mit Macht und vertraut darauf, dass Recht, Werte und Diskurs die materielle Gewaltfähigkeit ersetzen können. Das Buch kehrt das Verhältnis um. Harte Macht ist die Voraussetzung dafür, dass liberale Werte in der Weltpolitik Gewicht besitzen; Gewalt ist kein bedauerliches Instrument der regelbasierten Ordnung, sondern ihr Fundament. Die Geltung ihrer Regeln hing immer von der Macht ab, sie durchzusetzen, während der Appell an Werte die Konkurrenz westlicher Staaten in die Sprache einer universellen menschlichen Ordnung kleidete.
Das Buch trägt eine amerikanische Handschrift: Pentagon, Palantir, China und der Westen bilden seinen selbstverständlichen Horizont. Es wäre bequem, es als Bericht aus einer fernen Großmacht zu lesen, deren Probleme Europa kaum berühren. Die zugrunde liegende Tendenz reicht jedoch über die Vereinigten Staaten hinaus. Kapitalistische Staaten sind für Steuereinnahmen, öffentlichen Kredit, Beschäftigung und die wirtschaftliche Grundlage ihrer Macht auf erfolgreiche Akkumulation innerhalb ihres Hoheitsgebiets angewiesen. Sie versuchen daher, strategische Lieferketten, technologische Fähigkeiten, Investitionen und militärische Druckmittel gegenüber konkurrierenden Staaten abzusichern. Von diesem Standpunkt aus erscheinen inländische Verfahren und überkommene Industriestrukturen als Hindernisse, wo immer sie den Zugriff auf die Mittel internationaler Konkurrenz verzögern. Dieser Druck nimmt je nach Stellung eines Staates in der internationalen Hierarchie unterschiedliche politische Formen an. Die Vereinigten Staaten formulieren ihn als Weltmacht, die ihre technologische und militärische Vormachtstellung verteidigen will. Europäische Staaten und EU-Institutionen übersetzen denselben Druck aus einer schwächeren und abhängigeren Position in ihre eigenen Programme: als Verbündete der USA, als Teile eines unvollständigen Machtblocks und als nationale Standorte, die militärische und technologische Defizite überwinden wollen. In der EU und ihren führenden Mitgliedstaaten erscheint diese Klage unter den Überschriften strategische Autonomie, technologische Souveränität und Zeitenwende. Sie wird von der Wiederaufrüstung des Kontinents und dem NATO-Beschluss von Den Haag gespeist, nach dem die Mitgliedstaaten bis 2035 mindestens 3,5 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für militärische Kernanforderungen und weitere 1,5 Prozent für verteidigungs- und sicherheitsbezogene Ausgaben bereitstellen sollen.
Ihr deutsches Gesicht ist Helsing, ein 2021 in München gegründetes Unternehmen, das innerhalb weniger Jahre zu einem der wertvollsten Technologieunternehmen Europas aufgestiegen ist. Helsing beschreibt sich als Unternehmen, das souveräne KI-Fähigkeiten zum Schutz der Demokratien entwickelt. Gegründet wurde es auf Grundlage der These, der Westen verliere das Rennen um militärische künstliche Intelligenz und nur ein europäisches Unternehmen, das sich als „Ethik zuerst“ präsentiert, könne die Lücke schließen. Karps Manifest erscheint hier in der Sprache der Wertegemeinschaft. Die Parallele reicht bis in die Einzelheiten. Helsing ist am KI-Rückgrat des Future Combat Air System beteiligt, produziert KI-gestützte Kampfdrohnen für die Ukraine und hat seinen Luftkampfagenten Centaur in Testflüge der Gripen E integriert. Das Unternehmen entwickelt inzwischen eigene autonome Kampfflugzeuge sowie Aufklärungs- und Zielerfassungssysteme und verbindet Software, Plattformen und Hardwareproduktion. Sein Verkaufsargument entspricht Karps Diagnose: Solche Fähigkeiten könnten innerhalb von Monaten entwickelt und integriert werden, wo die konventionelle Beschaffung Jahre oder Jahrzehnte benötige. Die etablierten Rüstungskonzerne reagieren als Partner, Lieferanten, Investoren und Konkurrenten innerhalb derselben neuen Rüstungsarchitektur. Hinter den Anbietern steht dieselbe Verbindung von Technologiekapital und Gewaltapparat, die sich in Kalifornien findet. Helsing wurde in erheblichem Umfang vom Spotify-Gründer Daniel Ek finanziert, während Peter Thiels Founders Fund in den Berliner Konkurrenten Stark investiert hat; Thiel selbst gehörte zu den Mitgründern Palantirs. Die jüngste Finanzierungsrunde, die Helsing im Juli 2026 mit 18 Milliarden US-Dollar bewertete, zeigt, wie attraktiv der staatlich garantierte Markt der Aufrüstung für internationales Kapital geworden ist. Wer Karp als eigentümlich amerikanisches Phänomen behandelt, um das europäische Modell als zivile, soziale und friedliche Alternative zu idealisieren, täuscht sich selbst. Die Wertegemeinschaft und das Friedensprojekt liefern inzwischen einen erheblichen Teil der Sprache, in der Europas Aufrüstung und technologische Konkurrenz als Verteidigung seiner besonderen Zivilisation legitimiert werden. Neben ihnen steht der Sozialstaat, dessen Leistungen, Belastungen und Haushalte unter dem neuen Maßstab der Sicherheit neu gewichtet werden, als materielle Organisation nationaler Reproduktion. Der zugrunde liegende Druck entsteht aus dem wechselseitigen Verhältnis zwischen der internationalen Konkurrenz der Kapitale und der Rivalität souveräner Staaten, von denen jeder versucht, die wirtschaftlichen, technologischen und militärischen Mittel seiner eigenen Macht zu sichern. Was Karp als Krankheit des Westens beschreibt, gehört zum normalen Funktionieren der Ordnung, die er retten will: Privateigentum, Konkurrenz und politische Vereinheitlichung durch den Staat erzeugen jene Gleichgültigkeit und Trennung, die seine technologische Republik nur dort korrigieren will, wo sie die nationale Macht schwächen.
Eine kommunistische Schlussfolgerung beginnt bei der Verfügung über die Produktivkräfte. Rechenzentren, Forschungsinfrastruktur, Datenbanken, Industrieanlagen und wissenschaftliche Arbeit müssten der ausschließlichen Kontrolle privater Eigentümer und Staaten entzogen und von den Produzenten als gemeinsame Bedingungen ihrer Reproduktion organisiert werden. Die Konsequenz reicht über eine friedlichere Investitionspolitik hinaus. Technische Systeme, die für Überwachung, Zielerfassung und automatisierte Kriegsführung geschaffen wurden, müssten materiell umgebaut oder aufgegeben werden; Datenmodelle, Produktionsanlagen und Arbeitsabläufe müssten nach den Bedürfnissen von Versorgung, Gesundheit, Verkehr, Energie, Kommunikation und der Verringerung notwendiger Arbeit neu bestimmt werden.
“The reconstruction of a technological republic […] will require […] shared purpose and identity […]. We should now build something together in its place.”
— Alex C. Karp/Nicholas W. Zamiska, The Technological Republic, Chapter 18, An Aesthetic Point of View.
Karp will etwas Gemeinsames errichten. Die entscheidenden Fragen lauten jedoch, wem die Bedingungen dieser gemeinsamen Arbeit gehören, welchem Zweck sie dienen und wer über diesen Zweck entscheidet. Seine technologische Republik beantwortet sie eindeutig: Das Eigentum bleibt privat, die politische Macht bleibt von der Gesellschaft getrennt, und der gemeinsame Zweck ist die nationale Selbstbehauptung. Gründer und Staatsdiener entscheiden; die Bevölkerung liefert Zustimmung, Arbeit und im Ernstfall ihr Leben. In einer emanzipierten Gesellschaft läge der gemeinsame Zweck in der bewussten Organisation der eigenen Lebensbedingungen; ein nationaler Mythos, der die Zwecke der Staatsmacht zur natürlichen gemeinsamen Sache ihrer Mitglieder verklärt, würde damit seinen Gegenstand verlieren. Die Verteidigung des weichen Liberalismus gegen seine harte Form verfehlt diesen Zusammenhang. Beide gehören derselben gesellschaftlichen Ordnung an und streiten über die zweckmäßigste Form ihrer Macht. Die technologische Republik will den Westen reparieren.

