NEW-COMM

Kategorie: Dialektik

  • Jenseits der Parolen: Die strukturelle Ableitung als Maßstab materialistischer Kritik

    Jenseits der Parolen: Die strukturelle Ableitung als Maßstab materialistischer Kritik

    Von M.G.

    Hinweis: Dieser Text bildet die Grundlage unserer Reihe zur Kritik der revisionistischen Dialektik und unseres Verständnisses von Marxismus.

    Francisco de Goya, Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer — wo der Begriff einschläft, erwachen die Parolen.


    An radikalen Wörtern fehlt es der Linken nicht. Ein Krieg heißt imperialistisch, ehe jemand gesagt hat, welche Macht mit welchen Mitteln welches Interesse verfolgt. Auffällig ist dabei, wie der Begriff nicht als Frage auftritt, ob diese Bestimmung auf diesen Fall zutrifft, und wenn ja, wodurch, sondern als Antwort, die dem Fall vorausgeht. Man kann ein Urteil teilen und trotzdem bestreiten, dass es begründet ist. Dass der bestimmende Zweck einer Regierung nicht im Wohl der Lohnabhängigen besteht, trifft zu. Die Erklärung, sie sei von Konzernen gekauft, trifft nicht zu. Sie führt auf den Willen einzelner Interessenten zurück, was aus dem Verhältnis des bürgerlichen Staates zur kapitalistischen Reproduktion zu erklären wäre: Er sichert die Bedingungen von Eigentum, Vertrag und Konkurrenz und ist für seine Machtmittel auf den Erfolg der kapitalistischen Ökonomie seines Standorts angewiesen. Wer dieser Erklärung glaubt, muss annehmen, anderes Personal ergäbe eine andere Politik. Aus einer richtigen Verurteilung ist so eine falsche Erwartung geworden.

    Umgekehrt sagt ein Controller, der vorrechnet, ab welchem Auslastungsgrad sich eine Belegschaft von 400 Beschäftigten für den Betrieb rechnet, mitunter mehr über dessen Zweck als ein Aufsatz, in dem dreimal „Mehrwert“ steht. Er kennt die Anforderungen des Betriebs, weil er sie berechnet und durchsetzt. Warum diese Anforderungen gesellschaftlich gelten, muss er nicht erklären können. Welche Fragen überhaupt gestellt werden, hängt am Interesse dessen, der sie stellt; wem die Verhältnisse passen, der hat keinen Grund, hinter ihre Selbstverständlichkeiten zu gehen. Nur folgt daraus das Gegenteil dessen, was gern daraus gemacht wird. Wer eine Ordnung loswerden will, muss sie genauer kennen als der, der sich in ihr einrichtet. Parteilichkeit ist ein Grund zur Genauigkeit und kein Dispens von ihr. Falsche Bestimmungen werden mit vergeudeter Kraft und politischen Niederlagen bezahlt.

    Der Fehler hat eine erkennbare Form: Kapital geht über Grenzen, Militär sichert Transportwege, die Banken sind groß und wenige — also Imperialismus. Die Merkmale kommen in der Bestimmung vor und werden einander zugeordnet. Nicht erklärt wird, weshalb Kapital über die nationalen Grenzen hinaus expandiert, welchen Nutzen die staatliche Absicherung für die international tätigen Kapitale besitzt und welchen eigenen Zweck der Staat mit dieser Absicherung verfolgt. Solange darüber nichts gesagt ist, hat man eine Liste von Merkmalen, aber keine Erklärung.

    Das Unangenehme an diesem Verfahren ist, dass es immer ein Ergebnis liefert und deshalb nicht scheitern kann. Fehlt ein Merkmal, gilt der Fall als Ausnahme; fehlen mehrere, als Übergangsfall; fehlen die meisten, wird die Sache kurzerhand für widersprüchlich erklärt.

    Eine Untersuchung kann nur bei dem anfangen, was zu sehen ist, und was zu sehen ist, kommt selten stumm daher. Der Staat erklärt sich für das Allgemeinwohl zuständig. Der Arbeitsvertrag tritt auf als Vereinbarung zweier Rechtssubjekte, die einander nichts schulden, bevor sie unterschrieben haben. Die Wahl gilt als Akt, in dem ein Volk über sich selbst verfügt. Dieselbe Operation wie bei einer Subsumtion, nur mit verdrehtem Vorzeichen, liegt auch vor bei Aussagen wie „Der Staat redet vom Allgemeinwohl, gemeint ist das Kapital“. Aus der Selbstbeschreibung wird durch Negation ein Urteil gezogen, ohne dass das Verhältnis untersucht worden wäre, aus dem beides hervorgeht. Eine Enthüllung hierüber unterstellt hinter dem Schein eine verborgene Absicht, wo vielmehr eine gesellschaftliche Form zu bestimmen wäre, die den Absichten der Handelnden ihre Bedingungen und gesellschaftlichen Erfolgskriterien setzt.

    Von der Erscheinung zur gesellschaftlichen Form

    Die Kritik beginnt mit dem Verdacht, dass die sichtbaren Vorgänge ihre eigene Erklärung nicht mitbringen. Das führt leicht zu einer schiefen Vorstellung — als läge hinter den Preisen und Behörden eine zweite, verborgene Ebene, in der die eigentlichen Entscheidungen fallen. Enttäuscht werden die, die nach dieser verborgenen Ebene in ihrem Arbeitsvertrag suchen, da auch ein Vertrag keine Verkleidung von etwas anderem ist, sondern der wirkliche Vollzug eines Verhältnisses, das in ihm zustande kommt. Zu bestimmen gibt es, wodurch es zustande kommt.

    Was man Wesen nennt, ist der Zusammenhang, aus dem die Erscheinungen hervorgehen und der sich in ihnen durchsetzt.

    Wenn ein Werk geschlossen wird, sind möglicherweise ein Beschluss der Geschäftsführung oder eine verspätete Investitionsentscheidung von vor vier Jahren zu sehen. Auskünfte erklären, warum dieses Werk und warum in diesem Quartal. Zwischen dieser Auskunft und der Klärung darüber, warum die Anwendung menschlicher Arbeitskraft überhaupt davon abhängt, ob sie ein vorgeschossenes Kapital vermehrt, liegt ein Unterschied, den die Betriebswirtschaft nicht zum Problem macht, weil ihre Untersuchung den Rentabilitätszweck bereits voraussetzt. Eine Wissenschaft, die Unternehmen beim Kalkulieren hilft, hat keinen Anlass zu fragen, weshalb kalkuliert wird; die Frage wird somit verschoben. Nicht mehr: Warum hat diese Geschäftsführung entlassen? Sondern: In welcher gesellschaftlichen Form wird Arbeit nur verrichtet, soweit sie sich rentiert? Die erste Frage sucht die Ursache eines Ereignisses. Die zweite bestimmt das Verhältnis, in dem solche Ereignisse normal sind. Die zweite macht die erste nicht überflüssig — sie sagt, worin sich deren Antworten bewegen.

    Der Weg führt über eine Abstraktion. Ein gängiges Missverständnis über Abstraktion ist, dass Abstraktion mit dem Streichen verbunden ist, was die Fälle unterscheidet. Arbeiter, Vermieter und Aktionär: alle wirtschaften und treffen Entscheidungen unter Knappheit. Der Oberbegriff, der dabei herauskommt, ist gewonnen worden, indem gerade das gestrichen wurde, was die Beteiligten voneinander unterscheidet — und danach soll er ihr Verhältnis erklären. Wer so verfährt, hat den Unterschied zwischen dem, der Arbeitskraft verkaufen muss, und dem, der sie kauft, methodisch zum Verschwinden gebracht, bevor die Untersuchung anfing. Diese Sorte Allgemeinheit ist, im Übrigen, die Grundoperation der Wirtschaftswissenschaft. Die materialistische Abstraktion hält das Verhältnis fest, das ihn hervorbringt. Der eine verfügt über Produktionsmittel und kann Arbeitskraft kaufen; der andere ist für seine Reproduktion auf deren Verkauf angewiesen. Die Abstraktion trennt gesellschaftliche Bestimmtheit der Beteiligten von zufälligen Besonderheiten, um ihren notwendigen Zusammenhang zu erfassen.

    Ein zweites Missverständnis ist der klassische Einwand gegen Marx: Die Theorie erfinde eine begriffliche Ordnung und übertrage sie über die Wirklichkeit im Nachhinein. Werte seien nirgends zu sehen, Preise dagegen überall; also handle es sich um eine Konstruktion, die man glauben müsse oder auch nicht. Der Einwand würde nur zutreffen, wenn die Gleichsetzung, um die es geht, im Kopf des Theoretikers stattfände. Menschen pflegen Kranke, backen Brot, montieren Getriebe, schreiben Programme, fahren Züge. Ob eine Tätigkeit Wert produziert, entscheidet jedoch nicht ihr konkreter Inhalt. Dieselbe Pflege- und Transportarbeit kann unter verschiedenen gesellschaftlichen Verhältnissen verrichtet werden. Als konkrete Tätigkeiten sind diese Arbeiten qualitativ verschieden. Gesellschaftlich gleichgesetzt werden sie, weil ihre Produkte als Waren aufeinander bezogen werden. Die Produzenten arbeiten privat und unabhängig voneinander, obwohl ihre Arbeiten Glieder einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung sind. Niemand hat vorher beschlossen, wie viel Bäckerarbeit die Gesellschaft in diesem Jahr braucht. Gebacken wird auf eigene Rechnung. Ob und in welchem Umfang die privat verausgabte Arbeit gesellschaftlich zählt, setzt sich nachträglich in Konkurrenz, Austausch und Verkauf durch. Für den einzelnen Produzenten zeigt sich dies daran, ob und zu welchen Bedingungen er seine Ware absetzen kann; der einzelne Verkauf schafft den Wert jedoch nicht. Maßgeblich ist die unter den herrschenden Produktionsbedingungen gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit. Im Wert erhält diese gesellschaftliche Geltung eine gegenständliche Form.Das Produkt gehört einem Privateigentümer, der andere von seiner Nutzung ausschließt und es nur gegen Gegenwert hergibt. Als Wert ist die Ware deshalb nicht nur gesellschaftlich geltende Arbeit, sondern gesellschaftlich gültige Zugriffsmacht auf fremden Reichtum.

    Dass private Arbeit sich im Tausch bewähren muss, gilt für Warenproduktion überhaupt. Im Kapitalismus kommt eine zweite Bedingung hinzu: Sie muss sich als Verwertung des vorgeschossenen Kapitals bewähren. Der erfolgreiche Verkauf einer Ware und die hinreichende Verwertung des vorgeschossenen Kapitals sind nicht dasselbe. Ein Geschäft kann einen Überschuss versprechen und dennoch unterbleiben, wenn das Kapital anderswo eine höhere Rendite erwartet.

    Ableitung und Übergang

    Für Darstellungen, die beanspruchen, ihren Gegenstand begrifflich zu entwickeln, gibt es eine nützliche Probe: Man versuche, zwei ihrer aufeinander aufbauenden Bestimmungen zu vertauschen. Wo das ohne sachlichen Verlust gelingt und nichts unverständlich wird, weil eine Voraussetzung fehlt, besteht zumindest der Verdacht, dass keine Ableitung vorliegt, sondern nur eine Anordnung nach Wichtigkeit oder thematischer Nähe. Auch richtige Urteile können bloß nebeneinanderstehen. Eine Ableitung muss dagegen zeigen, warum die bisher gewonnene Bestimmung nicht ausreicht und weshalb gerade die folgende erforderlich wird. Ihre Reihenfolge richtet sich deshalb nicht danach, wann dem Autor einzelne Momente aufgefallen sind, sondern nach ihrem begrifflichen Zusammenhang.

    Am Verhältnis von Ware und Geld lässt sich zeigen, was verlangt ist. Die Wertformanalyse muss dafür nicht vollständig ausgeführt werden; es genügt zunächst ihre Bewegung. Als Ware besitzt ein Produkt neben seinem Gebrauchswert einen Wert. Ansehen kann man ihm diesen nicht — dem Stuhl ist so wenig anzumerken, was er wert ist, wie dem Brot. Ausdrücken lässt sich der Wert einer Ware nur in einer anderen: So viel Stuhl gilt so viel Brot. Jede Ware kann ihren Wert in jeder anderen ausdrücken. Was dabei herauskommt, ist eine endlose Reihe wechselnder Wertausdrücke, in der keine Ware von sich aus eine allgemein gültige Form des Werts liefert. Die Waren können ihren Wert nur allgemein darstellen, indem sie ihn gemeinsam in einer von ihnen ausdrücken. Diese besondere Ware wird dadurch aus der übrigen Warenwelt als allgemeines Äquivalent ausgeschlossen. In ihr erhält der Wert eine allgemeine und selbständige Erscheinungsform. Das ist die Stelle, an der das Geld hingehört.

    Die geläufige Erklärung dafür, ist das der Naturaltausch umständlich sei, da jeder jemanden finden müsse, der genau das habe und genau das wolle, also habe man ein Tauschmittel eingeführt. Wer es so bestimmt, hat sich die Frage verbaut, warum Menschen Geld auch dann wollen, wenn sie nichts kaufen wollen, und warum eine Gesellschaft, die über volle Lager verfügt, zugleich an Geldmangel leiden kann. Die Naturaltauschgeschichte erklärt damit einen praktischen Nutzen des Geldes, aber nicht seine Notwendigkeit aus der Warenform. Nicht alles, was in einer Darstellung aufeinander folgt, folgt auf dieselbe Weise. Viele Streitigkeiten über Ableitungen entstehen gerade daraus, dass begrifflicher Übergang, historische Voraussetzung, institutionelle Sicherung und konkrete Verlaufsform füreinander genommen werden. Nur im ersten Fall handelt es sich um eine immanente begriffliche Ableitung. Die anderen bezeichnen unterschiedliche Weisen, in denen eine gesellschaftliche Form historisch hervorgebracht, institutionell gewährleistet oder konkret verwirklicht wird. Ein Übergang ist dann begrifflich, wenn die bisherige Bestimmung eine weitere notwendig macht, weil sie ohne diese weder vollständig bestehen noch angemessen erscheinen kann. Im Verhältnis von Ware und Geld zeigt sich dies daran, dass das Geld kein äußerer Zusatz zur Ware ist, sondern die allgemeine und selbständige Erscheinungsform ihres Werts.

    Anders liegt der Fall bei einer historischen Voraussetzung. Die Bewegung, Geld auszulegen, um mehr Geld zurückzuerhalten, ist alt und findet sich bereits in Handel und Wucher. Sie lässt sich begrifflich bestimmen. Damit Geld aber die Produktion allgemein dem Zweck seiner Vermehrung unterwerfen kann, muss Arbeitskraft als Ware verfügbar sein. Es müssen Produzenten existieren, die von den Produktionsmitteln getrennt und deshalb darauf angewiesen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen. Ihnen müssen Eigentümer gegenüberstehen, die über Geld und Produktionsmittel verfügen und die gekaufte Arbeitskraft anwenden können. Aus dem Begriff des Geldes folgt diese historisch hergestellte Klassenbedingung nicht. Die ursprüngliche Akkumulation ist die Geschichte der Herstellung einer Bedingung, die das Kapital voraussetzt. Auf der einen Seite akkumuliert sich die Verfügung über Produktionsmittel; auf der anderen bleibt die Masse der Produzenten für ihre Reproduktion auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen.

    Eine dritte Beziehung betrifft die institutionelle Sicherung. Eigentum muss allgemein gelten und das moderne Kredit- und Zahlungssystem politisch garantiert werden. Diese Ebene wird oftmals mit dem begrifflichen Übergang verwechselt. Dann erscheint der Staat als Folge des Eigentums in demselben Sinn, in dem das Geld aus der Warenform hervorgeht. Mit der Feststellung, dass Eigentum und Vertrag einer allgemeinen Sicherung bedürfen, ist das Problem der Staatsableitung erst eröffnet.

    Ob die Konkurrenz, die aus dem Kapitalverhältnis folgt, hauptsächlich durch Aktiengesellschaften, Familienunternehmen, staatliche Fonds oder andere Unternehmensformen ausgetragen wird, ist damit nicht entschieden. Ebenso wenig folgt aus der Krisenhaftigkeit kapitalistischer Akkumulation, wann eine bestimmte Krise eintritt und welche Politik auf sie antwortet. Welche, der durch die allgemeine Form und ihre gesetzten Zwänge eröffneten Möglichkeiten sich verwirklichen, hängt von weiteren politischen Vermittlungen ab. Wer diese Ebene mit der begrifflichen Ableitung verwechselt, betreibt Geschichtsphilosophie. Die Geschichte erscheint dann als Entfaltung dessen, was im Begriff bereits fertig enthalten war. Was tatsächlich geschah, hätte demnach gar nicht anders geschehen können.

    Die häufigsten falschen Übergänge lassen sich leichter erkennen, wenn man sie nebeneinanderstellt. Der erste macht aus einem zeitlichen Nacheinander eine Notwendigkeit. Die Industrialisierung kam vor der Sozialversicherung, also habe jene diese hervorgebracht. Der zweite schließt vom Nutzen auf den Grund. Der Staat leistet etwas für die Akkumulation, also sei er von denen eingerichtet worden, denen diese Leistung nützt. Der dritte verwandelt eine Möglichkeit in eine Notwendigkeit. Wirtschaftskrisen können autoritäre Politik begünstigen; daraus wird der Satz, die Krise führe zum Faschismus. Der vierte lässt die allgemeine Bestimmung für die Untersuchung des Einzelfalls einstehen. Die plumpe Etikettierung arbeitet mit einem Wort. Die Scheinableitung arbeitet mit einer richtigen Bestimmung, die sie an einer Stelle einsetzt, für die sie nicht gewonnen wurde. Sie ist daher die haltbarere Form desselben Fehlers. Von einem begrifflichen Übergang ist die Auskunft verlangt, welche Grenze oder ungelöste Anforderung die bisherige Bestimmung enthält, weshalb diese Grenze nicht innerhalb derselben Form überwunden werden kann, warum gerade die neue Bestimmung die erforderliche Vermittlung leistet, und was damit erklärt ist und was nicht.

    Am Ende dieser Angelegenheit stellt sich die Ordnung der Gründe heraus. Sie ist das Resultat der Untersuchung. Die Berufung auf den Unterschied zwischen Forschung und Darstellung dient in der Praxis mitunter dem Gegenteil: als Auskunft darüber, dass die Notwendigkeit der Abfolge nicht gezeigt werden konnte und auch nicht gezeigt werden soll. Die Untersuchung darf Umwege machen. Die Darstellung hat ihre Ergebnisse so zu ordnen, dass der Zusammenhang zwischen ihnen sichtbar.

    Widerspruch und Dialektik

    Alles ist dialektisch. Wenn zwei Größen sich gegenseitig beeinflussen ist das dialektisch. Wenn ein Gegenstand sich verändert im Lauf der Zeit ist das dialektisch. Wenn die eigene Darstellung zwei Aussagen enthält die nicht zusammenpassen, dann ist dies der Dialektik zu verdanken. Es ist eine recht bequeme Sache, sich jeder bündigen Auskunft entziehen zu können, indem man Dialektik als nachträgliche Auszeichnung nutzt. Man kann jeden Einwand entgegennehmen, ohne etwas ändern zu müssen. Beim Vorwurf, dass sich zwei gemachte Aussagen widersprechen kann es zum Kompliment gedreht werden. Der Fehler ist kein Fehler mehr sondern analytische Tiefe.

    Behauptet jemand in derselben Hinsicht zugleich A und Nicht-A, ohne dass gesagt wird, in welcher Beziehung das eine und in welcher das andere gilt, stehen erst mal nur zwei unvereinbare Sätze da. Ähnlich verhält es sich, wenn Geld einmal als gesellschaftliche Gestalt abstrakten Reichtums bestimmt und ein anderes Mal als bloße Recheneinheit behandelt wird, je nachdem, was der Zusammenhang gerade verlangt. Der Hinweis auf verschiedene Hinsichten ist eine Verpflichtung dessen, der darauf verweist, die Hinsichten anzugeben und ihren Zusammenhang zu erklären. Für den hier gemeinten gesellschaftlichen Widerspruch gilt: Eine gesellschaftliche Form bringt gegensätzliche Bestimmungen notwendig hervor und vereinigt sie in sich. Die Gegensätze müssen aus derselben Form hervorgehen, einander voraussetzen und dennoch gegeneinander gerichtet sein. Ihr Verhältnis muss eine bestimmte Bewegung hervorbringen.

    Es gibt verkürzte Fassungen über die Ware. Die eine sagt, es gehe nicht um Bedürfnisse, sondern um Profit, und kann nicht erklären, warum dann überhaupt brauchbare Dinge hergestellt werden. Die andere sagt, der Markt bediene die Bedürfnisse, und kann nicht erklären, warum ein Bedürfnis ohne Zahlungsfähigkeit für die Produktion nicht zählt. Der Gegensatz besteht bereits in der Warenform selbst: Das Produkt muss Gebrauchswert sein, wird für seinen Produzenten aber als Träger von Wert hergestellt; privat verausgabte Arbeit muss sich nachträglich als gesellschaftliche bewähren. Erst auf dieser Grundlage kommt unter kapitalistischen Bedingungen die Verwertung des vorgeschossenen Kapitals hinzu.

    Die stoffliche Beschaffenheit der Ware ist die Bedingung ihres Verkaufs, aber nicht Zweck der Herstellung. Für ihren Produzenten ist ihre Brauchbarkeit das Mittel, den in ihr dargestellten Wert im Verkauf zu realisieren. Beides schließt sich nicht aus, im Gegenteil: Wertträger kann eine Ware nur sein, wenn sie taugt. Nur entscheidet ihre Tauglichkeit nicht darüber, ob die in ihr verausgabte private Arbeit gesellschaftlich gilt. Eine brauchbare Ware bleibt unverkäuflich liegen, obwohl Menschen sie benötigen. Produziert wird nach der Aussicht auf erfolgreiche Wertrealisation — unter kapitalistischen Bedingungen nach der Aussicht auf hinreichende Verwertung. Fallen Bedürfnis und zahlungsfähige Nachfrage auseinander, kann vernichtet werden, was niemand bezahlt.

    Der Lohnarbeiter gehört niemandem. Seine Arbeitskraft verkaufen muss er trotzdem, weil ihm die Mittel fehlen, auf andere Weise an sein Leben zu kommen. Wer die Freiheit des Lohnarbeiters für Schein erklärt, kann nicht sagen, warum diese Gesellschaft ohne sie nicht auskäme — warum sie Zwangsarbeit als Rückschritt behandelt und ihre Arbeitskräfte lieber mobil, kündbar und selbst zuständig hat. Wer umgekehrt aus der Unterschrift schließt, es liege kein Zwang vor, nimmt die Form für ihre Bedingung. Die Freiheit ist die Form, in der sich die Abhängigkeit vollzieht. Der Zwang wirkt nicht gegen sie, sondern durch sie. Weil niemand ihn unmittelbar treibt, muss der Verkäufer seiner Arbeitskraft sich selbst umsehen, notfalls den schlechteren Vertrag nehmen und die Verantwortung dafür übernehmen, dass er den besseren nicht bekam. Ein Leibeigener musste nicht beweglich sein. Er musste auch nicht selbst für die erfolgreiche Veräußerung seines Arbeitsvermögens sorgen.

    Jedes einzelne Kapital versucht, seine individuelle Produktionszeit und seine Kosten unter das gesellschaftlich geltende Niveau zu senken. Gelingt dies, erzielt es vorübergehend einen Konkurrenzvorteil. Verallgemeinert sich die produktivere Methode, sinkt die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit; der besondere Vorteil verschwindet und muss neu hergestellt werden. Technische Entlastung kann dabei entstehen, ist aber nicht der bestimmende Zweck und kann mit Arbeitsverdichtung, stärkerer Kontrolle und der Einsparung von Arbeitskräften einhergehen.

    Aus einem inneren Widerspruch folgt nicht, dass die Sache, die ihn enthält, an ihm zugrunde geht. Krisen lösen die Widersprüche der Akkumulation nicht auf, sondern tragen sie in zerstörerischer Form aus: Kapital wird entwertet, Belegschaften werden entlassen und Konkurrenten verschwinden. Dadurch können sich veränderte Bedingungen weiterer Akkumulation herstellen, ohne dass die Produktionsweise aufgehoben wäre. Die Krise ist deshalb keine automatische Brücke zum Sozialismus. Mehr Mitsprache und höhere Löhne können die materiellen Bedingungen verändern, unter denen Arbeitskraft verkauft und angewandt wird. Die Nötigung zum Verkauf der Arbeitskraft bleibt davon jedoch unberührt.

    Wer den Zusammenbruch erwartet, hat ihn seit über hundert Jahren zu verschieben und braucht für jedes Ausbleiben eine Erklärung, die den nächsten Termin sichert. Auf diesem Weg kehrt die Geschichtsphilosophie zurück, die zuvor aus der Ökonomie verabschiedet worden war: Der Verlauf steht fest, offen ist nur der Zeitpunkt.

    Sechs Fragen an jeden behaupteten Widerspruch

    1. Welche beiden Bestimmungen stehen einander entgegen?
    2. Gehören sie derselben Form an, oder werden zwei verschiedene Gegenstände verglichen?
    3. Wodurch setzt jede Seite die andere voraus?
    4. Durch welche Formen und Mechanismen werden die Gegensätze praktisch vermittelt?
    5. Welche Bewegung entspringt ihrem Gegensatz?
    6. Welche Veränderung der gesellschaftlichen Form würde diesen Widerspruch aufheben?

    Ideologie und notwendiger Schein

    Die verbreitetste Vorstellung von Ideologie ist die der Lüge: Oben kennt man die Wahrheit und hält sie zurück, unten glaubt man, was man hören soll. Dass Regierungen lügen, soll nicht bestritten werden; nur erklärt das den Bestand der Vorstellungen nicht. Die Lohnform wird nicht erst durch Propaganda plausibel. Weil der Lohn als Preis einer bestimmten Arbeitszeit gezahlt wird, legt das Verhältnis selbst die Vorstellung nahe, die geleistete Arbeit werde vergütet. Wissenschaft, Recht, politische Institutionen und öffentliche Meinung greifen diese Deutung auf, befestigen sie und geben ihr eine allgemeine Gestalt; sie erfinden ihren Stoff aber nicht. Ideologie auf Täuschung zu reduzieren, verlangt dagegen einen Kreis von Eingeweihten, die es besser wissen, und anschließend eine Erklärung dafür, weshalb niemand die Wahrheit ausplaudert. Außerdem unterschätzt diese Auffassung die Zähigkeit der Sache: Eine bloße Lüge ließe sich durch Aufklärung erledigen.

    Neben der Lüge wird Ideologie auch als beliebiges Überzeugungssystem gedeutet, von dem jeder eines besitzt. Dann gibt es keine falschen Erklärungen mehr, sondern nur noch Standpunkte, zwischen denen man sich nach Neigung entscheidet. Der Marxismus soll einer dieser Standpunkte sein — was wie Anerkennung klingt, aber als Beerdigung seines Wahrheitsanspruchs funktioniert.

    Wenn am Monatsende Geld überwiesen wird, ist die Erscheinung die wirkliche Weise, in der ein Verhältnis vorkommt. Von Schein ist zu reden, wo diese Erscheinungsform den Zusammenhang verkehrt wiedergibt. Weil nach Stunden gezahlt wird, sieht der Lohn wie der Preis der geleisteten Arbeit aus. Weil beide Seiten als freie und gleiche Rechtspersonen gelten, sieht ihre Beziehung wie ein Verhältnis gleicher Verfügungsmacht aus. Wenn der in der Erscheinungsform liegende Schein als Erklärung des Verhältnisses festgehalten wird, wird Ideologie reproduziert: Der Lohn vergütet die Leistung. Vor dem Gesetz sind alle gleich, also verkehren sie als Gleiche. Ob die Beteiligten diese Deutung ausdrücklich glauben, ist zweitrangig. Notwendig ist die Erscheinungsform, aus der der Fehler immer wieder plausibel hervorgeht. Solange das Verhältnis in dieser Form existiert, erzeugt es dieselbe verkehrte Auskunft über sich stets von Neuem. Durchschauen lässt sie sich; sonst wäre jegliche Untersuchung überflüssig. Nur verschwindet die Erscheinungsform durch Einsicht nicht.

    Die Lohnform

    Mit dem Arbeitsvertrag erhält der Käufer für eine bestimmte Zeit das Recht, die Arbeitskraft innerhalb der vereinbarten Bedingungen anzuwenden. Ihr besonderer Gebrauchswert für das Kapital besteht darin, dass ihr Gebrauch mehr Wert hervorbringen kann, als sie selbst kostet. Nur wegen dieser Möglichkeit wird Arbeitskraft gekauft und im Produktionsprozess angewandt. Da für Zeit gezahlt wird, erscheint der Wert der Arbeitskraft als Preis einer Stunde, eines Tages oder eines hergestellten Stücks. Beim Stücklohn sieht es sogar so aus, als werde das Produkt selbst bezahlt. Der Unterschied zwischen dem, was die Arbeitskraft kostet, und dem Wert, den ihr Gebrauch hervorbringt, ist in dieser Transaktion nicht sichtbar. Naheliegend wird zunächst die Kritik am Preis der Arbeitskraft. Ausbeutung erscheint als Abweichung: als zu niedriger Lohn oder als Verstoß eines Unternehmers gegen die Regeln des Vertrags. Der gerechte Lohn ist der der Lohnform entsprechende Gedanke: Er setzt den Verkauf der Arbeitskraft als gegeben voraus und richtet die Kritik auf die Angemessenheit ihres Preises. Ein Kampf um höheren Lohn kann sich innerhalb dieser Form bewegen, ohne dass die Beteiligten das Lohnverhältnis insgesamt für gerecht halten.

    Man muss den Beteiligten hier keinen besonderen Denkfehler nachweisen.

    Die Erscheinungsformen sind praktisch verbindlich und machen die ideologische Erklärung plausibel. Das ideologische Bewusstsein hält sich, weil seine Kategorien eine brauchbare Orientierung innerhalb des Verhältnisses liefern, das sie falsch erklären. Wer in der Konkurrenz nicht mit dem Ertrag des eingesetzten Kapitals rechnet, wird an ihr scheitern. Das beweist nicht, dass Kapital von sich aus Ertrag hervorbringt. Brauchbarkeit im Umgang mit einer Sache und Wahrheit über sie sind zweierlei. Daraus folgt die Undankbarkeit der Aufklärung. Man kann jemandem erklären, was beim Lohn vor sich geht, und er muss am nächsten Ersten dennoch wieder mit dem Stundensatz rechnen.

    Die rechtliche Gleichheit behandelt die Beteiligten unabhängig von ihren gesellschaftlichen Mitteln als Eigentümer und Träger gültiger Willenserklärungen. Sie können Verträge schließen und diese gerichtlich durchsetzen. Dass das Recht dabei von den unterschiedlichen Mitteln der Personen absieht, ist keine Nachlässigkeit, sondern seine Leistung. Ein Recht, das den Vermögensstand der Parteien zur Bedingung ihrer Rechtsfähigkeit machte, könnte Verträge nicht allgemein durchsetzen. Es muss von der gesellschaftlichen Macht seiner Subjekte abstrahieren, um sie als gleiche Rechtspersonen behandeln zu können.

    Sachzwang und Verantwortlicher

    Dem einzelnen Unternehmer treten Löhne und Marktpreise als Umstände entgegen, die er nicht gemacht hat. Was dem Unternehmen als äußerer Sachzwang entgegentritt, ist das Resultat einer bestimmten Weise, gesellschaftliche Produktion über voneinander getrennte Eigentümer und konkurrierende Kapitale zu organisieren. In der Gegenrichtung erscheint der Profit als Leistung: des Gründers, der Innovation, des übernommenen Risikos oder des Kapitals selbst. Das Eigentum an Wert und Produktionsmitteln verschafft jedoch die Verfügung über fremde Arbeitskraft und damit die Möglichkeit, sich den von ihr hervorgebrachten Mehrwert anzueignen. Hinter Investitionssumme und Rendite verschwindet dieses gesellschaftliche Verhältnis. Die Verkehrungen laufen entgegengesetzt und stützen einander. Gesellschaftliche Verhältnisse erscheinen als Eigenschaften von Sachen, ihre Zwänge als Entscheidungen von Personen. Deshalb vertragen sich die Sätze, der Markt habe es verlangt und der Vorstand habe versagt, in derselben Zeitungsausgabe ohne jede Reibung.

    Wissenschaft

    Die Volkswirtschaftslehre bestimmt den Lohn als Entgelt des Produktionsfaktors Arbeit. Sie kann redlich arbeiten, sauber schließen und Daten korrekt erheben — innerhalb der Erscheinungsformen, deren Voraussetzungen sie nicht untersucht. Einmal in Lehrbüchern, Gesetzen, Verwaltungsverfahren und politischen Programmen fixiert, wird Ideologie selbst zu einem Moment dieser Praxis. Wenn die Bestimmung des Lohns als Leistungsentgelt Tarifpolitik und Sozialrecht strukturiert, bedeutet das, dass der Schein institutionelle Formen erhält, die auf das Verhältnis zurückwirken, aus dem er hervorgegangen ist. Nicht jede ideologische Vorstellung lässt sich jedoch unmittelbar aus derselben ökonomischen Form ableiten. Politische, rechtliche, religiöse, nationale und mediale Ideologien besitzen jeweils besondere Vermittlungen, die bestimmt werden müssen. Die Rede von den herrschenden Gedanken ist nicht personalistisch zu nehmen. Ihre Plausibilität bezieht sie daraus, dass alle kaufen und verkaufen, alle Geld brauchen, alle als Rechtspersonen auftreten, alle staatlichen Entscheidungen unterliegen und jedes Unternehmen nach Rentabilität verfahren muss.

    Vorstellungen, die an diese alltäglichen Praxisformen anschließen, besitzen bereits eine eigene Überzeugungskraft. Propaganda und politische Institutionen setzen an dieser Plausibilität an, ordnen sie und geben ihr eine allgemeine Gestalt. Sie müssen den Stoff nicht erfinden, den sie verarbeiten. Rassismus oder Sexismus als notwendigen Schein des Kapitals zu betiteln, übergeht den Gegenstand. Der Staat fasst die seiner Herrschaft unterstellte Bevölkerung als sein Volk zusammen, rechnet ihr den Erfolg seines Standorts als gemeinsame Sache zu und stellt sie den Angehörigen anderer Staaten gegenüber. Das ist eine andere Ableitung mit anderen Vermittlungen, und sie ist zu leisten, statt sie durch ein Wort zu ersetzen.

    Standpunkt, Interesse und Erkenntnis

    Die Bourgeoisie denkt bürgerlich, weil sie Bourgeoisie ist; das Proletariat durchschaut den Kapitalismus, weil es ihn aushalten muss. So verstanden hätte die gesellschaftliche Stellung eine erkenntnistheoretische Nebenwirkung, und wer betroffen ist, verfügte über einen kürzeren Weg zur Wahrheit. Die Vorstellung vom privilegierten Zugang hat eine unangenehme Kehrseite, die ihre Vertreter regelmäßig einholt. Wenn die Lage das Bewusstsein hervorbringt, müssen die tatsächlichen Ansichten der Lohnabhängigen für unecht erklärt werden, sobald sie anders ausfallen als erwartet. Aus dem Kompliment an die Klasse wird der Vorwurf des falschen Bewusstseins, und die richtige Ansicht liegt fortan bei jemandem, der sie treuhänderisch verwaltet.

    Die grundlegende Klassenlage im Kapitalismus bestimmt sich durch die Stellung im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess: Verfügt jemand über Kapital und Produktionsmittel und kauft Arbeitskraft, oder ist er für seine Reproduktion dauerhaft auf den Verkauf der eigenen Arbeitskraft angewiesen? Wer vom Verkauf seiner Arbeitskraft lebt, gehört zur Lohnarbeiterklasse, unabhängig davon, welcher gesellschaftlichen Mitte er sich zurechnet und wie hoch sein Gehalt ausfällt. Die Klassenlage bestimmt materielle Bedingungen der Reproduktion und legt dadurch wiederkehrende praktische Zwecke nahe. Bewusstsein ist die Deutung, die Menschen sich von ihren Zwecken, ihren Erfahrungen und deren gesellschaftlichen Bedingungen machen. Derselbe materielle Konflikt kann deshalb resignativ oder revolutionär verarbeitet werden.

    Der Ausdruck „objektives Klasseninteresse“ besitzt eine sinnvolle und eine problematische Verwendung. Sinnvoll bezeichnet er zunächst eine materielle Beziehung: Die Aufhebung des Lohnarbeitsverhältnisses beseitigt für die Lohnabhängigen ihre Abhängigkeit vom Verkauf der Arbeitskraft, während sie für die Eigentümer von Kapital den Verlust ihrer Verfügung über fremde Arbeitskraft bedeutet. Zum bewussten politischen Zweck wird die Aufhebung erst, wenn sie erkannt und gewollt wird. Problematisch wird der Begriff dort, wo aus dem Unterschied zwischen materieller Lage und wirklichem Bewusstsein eine politische Zuständigkeit abgeleitet wird: Die Arbeiter wüssten nicht, was sie wollen, ihre Vertreter aber kennten ihr eigentliches Interesse. Aus der Analyse einer Klassenlage wird so die Selbstermächtigung einer Führung, die im Namen der Klasse handelt.

    Ein Kapitalist muss wissen, ob sein Vorschuss zurückkehrt und sich vermehrt. Seine praktische Erkenntnis beginnt beim Kapital als vorausgesetztem Zweck. Dass die betriebliche Rechnung danach fragt, wie die Verwertung gelingt, und nicht danach, weshalb gesellschaftliche Produktion überhaupt diesem Zweck unterliegt, beschränkt nicht das Denkvermögen des Kapitalisten, sondern bezeichnet den Gegenstand seiner ökonomischen Praxis.

    Der proletarische Klassenstandpunkt bezeichnet deshalb einen praktischen Standpunkt: die Kritik des Verhältnisses unter dem Zweck, die Abhängigkeit vom Verkauf der Arbeitskraft aufzuheben. Für diesen Zweck besitzen die Lebensbedingungen der Lohnabhängigen einen materiellen Anknüpfungspunkt. Dass er erkannt und angenommen wird, folgt daraus nicht. Parteilich ist eine Kritik dann, wenn sie ein Verhältnis bestimmt, in dem die Reproduktion der einen Klasse Mittel der Verwertung einer anderen ist, und aus dieser Erklärung einen praktischen Zweck zieht: die Abhängigkeit der Lohnarbeit aufzuheben. Der Klassenkonflikt kann immer wieder mit einem passablen Abschluss enden, mit gestärktem Vertrauen in die Organisation, die ihn erreicht hat, und mit neuer Anhänglichkeit an den Standort, der die Stellen erhält. Seine institutionelle Verarbeitung legt dieses Ergebnis regelmäßig nahe. Wer die Schranke erfährt, ohne sie erklärt zu bekommen, kann die naheliegende Konsequenz ziehen und sie zum Maßstab der eigenen Forderung machen.

    Marxistische Begriffe sind Resultate einer Erklärung. Die Feststellung, dass Menschen ihre gesellschaftlichen Verhältnisse selbst hervorbringen, genügt noch nicht. Zu erklären ist, weshalb ihnen diese Verhältnisse in Formen gegenübertreten, über die sie nicht gemeinsam verfügen. Erst daraus ergibt sich der bestimmte Inhalt ihrer Aufhebung. Dafür gibt es keinen geschichtlichen Automatismus und keine Instanz, die der Klasse Erkenntnis, politischen Zweck und Handeln stellvertretend abnehmen könnte. Marxistisch denken heißt, gesellschaftliche Formen so zu bestimmen, dass aus ihrer Erklärung hervorgeht, was aufgehoben werden muss und weshalb diese Aufhebung im Interesse der Lohnabhängigen liegt.

    Wissenschaftliche Kritik, keine Weltanschauung. Analyse, keine Appelle. Bruch, keine Reform.

  • Kritik der revisionistischen Dialektik

    Kritik der revisionistischen Dialektik

    0.) Vermeintlich antidialektisch zu denken wird in einigen marxistischen Strömungen so behandelt wie ein Sündenfall in der Kirche. Genau wie in der Kirche wird nicht inhaltlich bestimmt, warum etwas falsch oder richtig ist, sondern nur heruntergebetet, was in den heiligen Schriften steht, und daraus dann ein unbegründeter Dissens konstruiert. In dieser Reihe widmen wir uns der Frage, was Dialektik überhaupt ist und warum diese Herangehensweise genau das Gegenteil von dem ist, was man unter Dialektik verstehen sollte.

    In diesem Teil widmen wir uns Stalins Werk „Über dialektischen und historischen Materialismus“, das zu einiger Berühmtheit geraten ist und eine gute Zusammenfassung der methodologischen Fehler des revisionistischen Marxismus darstellt. Es soll noch gesagt sein, dass das entsprechende Buch optimalerweise vorliegen sollte, wenn man bestimmen will ob diese Schrift Stalins Fehler auf den Begriff bringt. Die Referenz dieses Werks ist die Ausgabe des Verlags “Neuer Weg”, obgleich Stalins pahmpletartiges Buch auch kostenfrei im Netz zu finden ist. 

    1.) In der Einleitung formuliert Joseph Stalin den Anspruch seines Werks, indem er die Dialektik als universelle Methode zur Erklärung von Natur und Gesellschaft ausgibt. Dabei werden unterschiedliche Formen von Notwendigkeit und Zufälligkeit unter ein einheitliches Schema von „Gesetzmäßigkeiten“ subsumiert, wodurch gesellschaftliche Prozesse in ihrer Eigenart gegenüber Naturphänomenen eingeebnet werden. 

    Stalin interessiert sich in diesem Werk nicht für die spezifische Funktionsweise einzelner Phänomene – etwa für den Zweck der kapitalistischen Produktionsweise oder für die unterschiedlichen Logiken naturwissenschaftlicher Zusammenhänge wie Gravitation und Wetter –, sondern fasst alles unter dem abstrakten Begriff der „Naturerscheinungen“ zusammen. Die wiederkehrenden Probleme im Argumentationsgang folgen daher aus diesem Ansatz. Eine allgemeine Logik wird vorausgesetzt und anschließend in allem Seienden wiedergefunden – mit einer Tendenz zur Tautologie. 

    Demgegenüber ist zu betonen, dass gesellschaftliche Verhältnisse wie das Kapitalverhältnis nicht unmittelbar sinnlich gegeben sind und sich nicht wie Naturgegenstände „unter der Lupe“ untersuchen lassen. Sie sind historisch vermittelte Beziehungen eigener Art. 

    Stalins Versuch, die von Karl Marx an konkreten ökonomischen Kategorien entwickelte Analyse auf „alles“ auszudehnen, verfehlt daher deren Gegenstand. Eine solche Totalisierung führt zu Abstraktionen, die Unterschiede zwischen Gegenstandsbereichen verwischen und dadurch systematisch Fehlinterpretationen begünstigen. 

    Das Werk stabilisiert damit eher ein geschlossenes Weltbild, als die erkenntnistheoretische Offenheit der Gegenstände zu erhalten. 

    2.) Beginnen wir mit dem ersten Abschnitt. Stalin macht hier einen grundlegenden methodischen Anspruch deutlich. Er schreibt: 

    „Jede beliebige Erscheinung auf jedem Naturgebiet kann in Widersinn verwandelt werden, wenn sie außerhalb des Zusammenhangs mit den sie umgebenden Erscheinungen, losgelöst von ihnen, betrachtet wird, und, umgekehrt, jede beliebige Erscheinung kann verstanden und begründet werden.“ (S. 3, Z. 24–33.) 

    Die Frage ist, wie Erscheinungen überhaupt betrachtet werden können, ohne sie zunächst voneinander zu unterscheiden und analytisch zu gliedern. 

    In der unmittelbaren Betrachtung lässt sich zunächst nur feststellen, dass ein Gegenstand X nicht mit einem Gegenstand Y identisch ist. Diese Unterscheidung ist eine grundlegende Voraussetzung begrifflicher Erkenntnis. Hätten all die realen Gegenstände keine Eigenheiten, wären sie dasselbe. 

    Auch Warum-Fragen setzen in der Regel einen bestimmten Gegenstand voraus, der zunächst bestimmt und damit methodisch isoliert werden muss. Eine solche Frage lässt sich jedoch nicht aus der bloßen Isolation heraus beantworten, da Erklärungen regelmäßig auf Beziehungen und Zusammenhänge verweisen. 

    Daher ist es notwendig, Gegenstände zunächst zu isolieren, um sie überhaupt bestimmen zu können. Ihre Erklärung erfordert jedoch, sie wieder in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, der aus Bedingungen und Relationen besteht, durch die eine Erscheinung in ihrer konkreten Form verständlich wird. 

    Es wird nicht bestritten, dass Realität durch Zusammenhänge konstituiert ist. Kritisch ist vielmehr, dass der Übergang zwischen Isolation und Zusammenhang bei Stalin nicht als erkenntnismethodischer Prozess behandelt wird. Stattdessen wird er zu einem fertigen Schema verkürzt, das der Untersuchung bereits vorausliegt. Damit wird der eigentliche Vollzug wissenschaftlicher Erkenntnis – die Vermittlung von Bestimmung und Relation – übersprungen. 

    Entscheidend ist dabei, dass Erscheinung und Wesen nicht unmittelbar zusammenfallen. Erkenntnis beginnt zwar mit der analytischen Determination einzelner Momente, erschöpft sich darin jedoch nicht, sondern muss diese Bestimmungen in ihre vermittelten Zusammenhänge zurückführen. 

    Beispiel: Klassenbewusstsein kann aus der sinnlichen Erfahrung entstehen, dass man mit eigener Arbeit mehr produziert, während der eigene Konsum stagniert oder relativ zurückbleibt, während andere, die nicht in gleicher Weise arbeiten, über größere Ressourcen verfügen. Werden diese erfahrbaren Seiten durch eine ökonomische Analyse als kausal zusammenhängend erkannt, lassen sich die zunächst getrennt erscheinenden Phänomene als strukturell vermittelt begreifen – man begreift sich als Teil einer Klasse. 

    Wenn jedoch bereits im Voraus behauptet wird, dass alles mit allem zusammenhängt, ist damit auch die Form dieses Zusammenhangs vorab festgelegt. Der Begriff des Zusammenhangs wird dann nicht aus der Untersuchung gewonnen, sondern vorausgesetzt. In diesem Fall wird über die konkrete Beschaffenheit der Erscheinungen nichts Neues erkannt, sondern lediglich eine bereits unterstellte Verbindung bestätigt. 

    Stalin hat damit die erkenntnismethodische Reihenfolge verschoben. Der Zusammenhang wird nicht aus der Analyse entwickelt, sondern vorweggenommen und nachträglich in den Gegenständen wiedergefunden – doch dazu später mehr. Ferner schreibt er: 

    „Für die dialektische Methode ist vor allem nicht das wichtig, was im gegebenen Augenblick als fest erscheint, jedoch bereits abzusterben beginnt, sondern das, was entsteht und sich entwickelt, selbst wenn es im gegebenen Augenblick nicht fest aussieht, denn für die dialektische Methode ist nur das unüberwindlich, was entsteht und sich entwickelt.“ (S. 4, Z. 1–12.) 

    Seine These und seine respektiven Fehltritte, die auf dieser logischen Grundannahme fussen sollen im Folgenden demontiert werden. 

    Erstens zeigt sich hier eine Verschiebung des Erkenntnisinteresses: Entscheidend ist nicht mehr, was eine Erscheinung in ihrem gegenwärtigen Bestehen ist, sondern nur noch, was aus ihr wird. Bezogen auf gesellschaftliche Verhältnisse bedeutet dies, dass der Kapitalismus nicht in seiner immanenten Struktur untersucht wird, sondern vor allem im Hinblick auf eine behauptete Übergangslogik. Dadurch werden die von Marx herausgearbeiteten inneren Bestimmungen kapitalistischer Produktionsweise nicht mehr in ihrer Eigenlogik analysiert, sondern auf ein vorab gesetztes Resultat hin interpretiert. 

    Zweitens setzt eine solche Perspektive den Verlauf der Entwicklung bereits voraus, den sie eigentlich erst erklären müsste. Wenn etwa der Untergang des Kapitalismus behauptet wird, dann müsste zunächst gezeigt werden, wie ein solcher Verlauf konkret überhaupt aussieht. Gerade wenn ein bestimmter historischer Übergang noch nie in dieser Form stattgefunden hat, kann nicht im Voraus festgelegt werden, wie er notwendig ablaufen muss. Es reicht daher nicht aus, eine allgemeine Richtung oder Tendenz zu behaupten; vielmehr müsste gezeigt werden, durch welche konkreten Schritte, Vermittlungen und historischen Bedingungen ein solcher Prozess tatsächlich verläuft. Aus der bloßen Annahme einer Entwicklungstendenz ergibt sich weder ihr konkreter Verlauf noch ihre spezifische Form. 

    Drittens wird die Differenz zwischen Natur- und Gesellschaftsprozessen unscharf gezogen. Gesellschaftliche Verhältnisse sind nicht bloß naturgesetzlich bestimmt, sondern durch handelnde Subjekte vermittelt, die innerhalb gegebener Bedingungen unterschiedliche Entwicklungswege einschlagen können. Selbst unter gleichen materiellen Voraussetzungen sind verschiedene historische Formen möglich – etwa Faschismus, Demokratie, sozialistische Planwirtschaft oder feudale Strukturen. Daraus folgt, dass nicht aus einer behaupteten Entwicklungstendenz auf einen notwendigen Ausgang geschlossen werden kann. Vielmehr ist jeweils zu erklären, warum unter bestimmten Bedingungen eine konkrete gesellschaftliche Form gegenüber anderen Möglichkeiten tatsächlich stabil wird und warum die kommunistische Gesellschaftsform die sinnvollste wäre. 

    Viertens liegt hier eine problematische Schlussfigur vor: Aus der Tatsache, dass ein gesellschaftlicher Zustand besteht, wird abgeleitet, dass er auch bestehen „muss“. Damit wird faktische Existenz in Notwendigkeit umgedeutet. Diese Argumentationsweise blendet die Rolle handelnder Subjekte aus, die gesellschaftliche Verhältnisse nicht nur vorfinden, sondern auch verändern können. Indem Veränderbarkeit nicht ernsthaft berücksichtigt wird, erscheint das Bestehende als notwendig und damit als legitimiert, obwohl seine Aufhebung oder Umgestaltung prinzipiell möglich ist. Stalin hätte zudem keine Wahl, das Fortbestehen des Zarenreiches hinzunehmen, denn wenn es ist, folgt ihm das nach einem notwendigen Prozess. 

    Es soll nicht bestritten werden, dass gesellschaftliche und ökonomische Prozesse im Werden und Vergehen begriffen werden müssen; ohne diese Einsicht wäre es sogar sinnlos, überhaupt von zeitlichen Abläufen im Kapitalismus zu sprechen. 

    Diese Bestimmung lässt sich jedoch nicht unreflektiert verallgemeinern. Aus der Analyse innerer Entwicklungsbewegungen eines Systems folgt nicht, dass Übergänge zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Systemen denselben Verlaufslogiken unterliegen. Ebenso wenig lässt sich im Voraus bestimmen, ob ein solcher Systemwechsel abrupt oder schrittweise erfolgt oder welches konkrete Ergebnis sich dabei herausbildet – hier zeigt sich, was die behauptete Totalität Stalins für ein Problem ist. 

    3.) Kurz darauf treibt Joseph Stalin diese Bestimmung auf die Spitze: 

    „Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik den Entwicklungsprozess nicht als einfachen Wachstumsprozess, in welchem quantitative Veränderungen nicht zu qualitativen Veränderungen führen, sondern als eine Entwicklung, die von unbedeutenden und verborgenen quantitativen Veränderungen zu sichtbaren Veränderungen, zu grundlegenden Veränderungen, zu qualitativen Veränderungen übergeht, in welcher die qualitativen Veränderungen nicht allmählich, sondern rasch, plötzlich, in Gestalt eines sprunghaften Übergangs von dem einen Zustand zu dem anderen Zustand eintreten, nicht zufällig, sondern gesetzmäßig, als Ergebnis der Ansammlung unmerklicher und allmählicher quantitativer Veränderungen.“ (S. 5, Z. 8–32.) 

    Diese Verallgemeinerung ist jedoch problematisch, da sie unterschiedliche historische Transformationsformen unter ein einheitliches Verlaufsmodell zwingt. Gesellschaftliche Umbrüche zeigen vielmehr, dass Übergänge nicht notwendig einer einzigen Struktur folgen. So lässt sich etwa die schrittweise Herausbildung kapitalistischer Verhältnisse in China als gradueller Transformationsprozess beschreiben, während der Systemwechsel in der Sowjetunion unter Gorbatschow und in der Folgezeit hin zu marktwirtschaftlich-kapitalistischen Strukturen einen vergleichsweise abrupten institutionellen Bruch darstellte. Beide Verläufe sind historisch real, ohne dass sich daraus ein allgemeines Gesetz der Übergangsform ableiten ließe. 

    Damit wird deutlich, dass aus der Annahme innerer quantitativer Veränderungen nicht automatisch auf die Struktur gesellschaftlicher Systemwechsel geschlossen werden kann. Der Wandel innerhalb eines Systems folgt nicht notwendig derselben Logik wie der Übergang zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Formationen. Damit wird deutlich, dass historische Entwicklung weder auf ein ausschließlich sprunghaftes noch auf ein rein kontinuierliches Modell reduziert werden kann. Die konkrete Form von Transformation ist vielmehr durch die jeweiligen Zielsetzungen und Handlungsorientierungen gesellschaftlicher Subjekte bestimmt sowie durch deren Erfolg oder Scheitern in der Durchsetzung ihrer Interessen innerhalb gegebener materieller Bedingungen. 

    Diese materiellen Bedingungen wirken dabei als eine Art strukturelle Bewährungsinstanz: Sie ermöglichen bestimmte Formen gesellschaftlicher Praxis und schließen andere aus. So ist etwa eine ausgeprägte Arbeitsteilung eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung von Warenproduktion und Tauschverhältnissen. Daraus folgt jedoch nicht, dass aus Arbeitsteilung zwangsläufig kapitalistische Produktionsverhältnisse entstehen müssen. Innerhalb eines kapitalistischen Betriebs selbst existiert ebenfalls eine hochentwickelte Arbeitsteilung, ohne dass dort zugleich Tausch im ökonomischen Sinn zwischen den Produzenten stattfindet. Das zeigt, dass aus einer bestimmten Strukturbedingung nicht eindeutig eine einzige historische Entwicklungsform abgeleitet werden kann. 

    Auch innerhalb der marx’schen Publikationen selbst zeigt sich keine rein schematische Festlegung auf ein einheitliches Entwicklungsmodell. Während im „Manifest der Kommunistischen Partei“ noch eine stark zugespitzte historische Entwicklungslogik formuliert wird, bleibt der entscheidende Punkt bei Karl Marx jedoch, dass die Analyse der bestehenden Verhältnisse nicht bloß beschreibend ist, sondern auf die im Gegenwärtigen angelegten Möglichkeiten und Widersprüche zielt. 

    Gerade in späteren Texten – etwa in der „Kritik des Gothaer Programms“ – geht es nicht um eine bloße Ableitung eines notwendigen Endzustands, sondern um die Bestimmung jener real vorhandenen Tendenzen und Strukturen, die als Ansatzpunkte bewusster gesellschaftlicher Praxis im Übergang zum Sozialismus dienen können. 

    4.) Jetzt kommen wir zur Rolle der Partei und zum ideologischen Anspruch der Schrift: 

    „Es ist nicht schwer zu begreifen, welche gewaltige Bedeutung die Ausdehnung der Leitsätze der dialektischen Methode auf die Erforschung des gesellschaftlichen Lebens, auf die Erforschung der Geschichte der Gesellschaft hat, welche gewaltige Bedeutung der Anwendung dieser Leitsätze auf die Geschichte der Gesellschaft, auf die praktische Tätigkeit der Partei des Proletariats zukommt.” (S. 11, Z. 1–18.) 

    Das begründet er wiederum mit folgenden Argumenten: 

    “Wenn es in der Welt keine isolierten Erscheinungen gibt, wenn alle Erscheinungen miteinander verbunden sind und einander bedingen, so ist es klar, dass jede gesellschaftliche Ordnung und jede gesellschaftliche Bewegung in der Geschichte nicht vom Standpunkt ‚ewiger Gerechtigkeit‘ oder irgendeiner anderen vorgefassten Idee einzuschätzen ist, wie dies nicht selten die Historiker tun, sondern vom Standpunkt der Bedingungen, die diese Ordnung und diese gesellschaftliche Bewegung hervorgebracht haben und mit denen sie verbunden sind.“ (S. 11, Z. 18–31.) 

    Ausgehend von der bei Joseph Stalin formulierten Annahme lässt sich folgende Argumentationsstruktur rekonstruieren: 

    Erstens wird davon ausgegangen, dass historische Entwicklung insgesamt notwendig verläuft, also als gesetzmäßig bestimmter Prozess verstanden werden kann. 

    Zweitens muss diese historische Notwendigkeit einen konkreten Ausdruck finden, insbesondere in der politischen Organisation, etwa in der Partei als bewusster Trägerin und Vollstreckerin dieser Entwicklung. 

    Jedoch gibt es keinen notwendigen Zusammenhang zwischen Individuum und Organisation: Subjekte entwickeln kommunistische Kritik in der praktischen Auseinandersetzung mit den Zwängen, Widersprüchen und Erfahrungen der gesellschaftlichen Reproduktion, insofern sie die bürgerlichen Denkformen, die sie im Alltag praktisch erlernen und vollziehen, als Ausdruck jener Verhältnisse begreifen, deren theoretische Kritik aus dieser vermittelten Verarbeitung erst hervorgeht. Freilich gibt es so etwas wie einen Warenfetischismus, einen Staatsfetischismus und so weiter, und in einer bürgerlichen Gesellschaft ist es stets am einfachsten, sich dem hinzugeben, um zurechtzukommen. Allein die Tatsache, dass man in den kapitalistischen Denkformen denken muss, um Verträge zu schließen und Lohnarbeit zu verrichten, ist eine Hürde für kommunistische Agitation. Dass Menschen sich innerhalb dieser Gegebenheiten aber entscheiden, kommunistisch aufzutreten, zeigt, dass das falsche Bewusstsein nicht determiniert ist, sondern zunächst einmal die Tätigkeit innerhalb dieses Systems. Ein Subjekt entscheidet also auf Grundlage relativer und absoluter materieller Schranken. 

    Und dass das politische Bewusstsein in gewisser Weise gewählt ist, sollte Stalin selbst am besten wissen. Immerhin war er immer wieder mit Parteigenossen konfrontiert, denen er ein bürgerliches Bewusstsein diagnostiziert hat. Und wenn Stalin sich dazu entscheiden muss zu erwähnen, dass die Partei eine bestimmte Methode anwenden muss und nicht in Moral verfallen soll, damit dieser historische Prozess zu seinem respektiven Ende kommt, dann ist Stalins Tun ein Beweis gegen seine eigene These. Wäre der erste Schritt nämlich wahr, könnte er sich das sparen. Des Weiteren stellt sich die Frage, inwiefern bei Stalin überhaupt noch theoretischer Stoff bleibt, um klarzumachen, dass die kritische Masse ihre materiellen Interessen wahrnehmen soll, wenn ihr Tun ohnehin nichts weiter als ihr historisches Los ist. 

    An späterer Stelle relativiert er zwar, indem er sagt dass die kommunistischer Partei diesen historischen Prozess lediglich beschleunigen würde, jedoch wäre dann die Antwort auf die Frage fällig inwiefern man dann noch bestimmte Verlaufsformen zwischen den Gesellschaftsformationen behaupten kann, wenn die Geschwindigkeit von der Agitation abhängig ist – Weshalb man diese hinterhergeschobene Ausrede nicht gelten lassen kann. 

    Folglich entsteht aus dem Ganzen ein unauflösbares Spannungsverhältnis innerhalb der Theorie: Wenn die historische Entwicklung als notwendig gilt, ihre konkrete Vermittlung über eine Partei jedoch offenbar auf überlegten Entscheidungen beruht, wird die behauptete Notwendigkeit in ihrer praktischen Form negiert. 

    5.) Im zweiten Teil, der den Titel „Der marxistische philosophische Materialismus“ trägt, bestätigt der russische Marxist, dass er an philosophischen Weltformeln mehr interessiert ist als an der Durchsetzung richtiger Ideen über die materiellen Verhältnisse. Aber lassen wir ihn sprechen: 

    „Im Gegensatz zum Idealismus, der die Welt als Verkörperung der ‚absoluten Idee‘, des ‚Weltgeistes‘, des ‚Bewusstseins‘ auffasst, geht der philosophische Materialismus von Marx davon aus, dass die Welt ihrer Natur nach materiell ist, dass die mannigfaltigen Erscheinungen in der Welt verschiedene Formen der sich bewegenden Materie darstellen, dass der wechselseitige Zusammenhang und die wechselseitige Bedingtheit der Erscheinungen, die durch die dialektische Methode festgestellt werden, Gesetzmäßigkeiten der Entwicklung der sich bewegenden Materie darstellen, dass die Welt sich nach den Bewegungsgesetzen der Materie entwickelt und keines ‚Weltgeistes‘ bedarf.“ (S. 6, Z. 10–28.) 

    Wie gesagt: Wenn die Bewegungsgesetze durch die dialektische Methode festgestellt werden, dann hängt das Verständnis der materiellen Verhältnisse von dem richtigen geistigen Betriebssystem ab und nicht von einem nüchternen Blick auf das, was einem vorliegt. Ironischerweise zitiert Stalin daraufhin folgende Aussage von Friedrich Engels: 

    „Allerdings heißt materialistische Naturanschauung weiter nichts als einfache Auffassung der Natur so wie sie sich gibt, ohne fremde Zutat …“ (Friedrich Engels, „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, Anhang, S. 60.)” (S. 7, Z. 10–14.)

    Hat Stalin nicht kurz davor gesagt, die Natur könne nur durch seine dialektischen Leitsätze begriffen werden? Man findet diese Universalschlüssel nicht in den objektiven Erkenntnissen der Gravitationstheorie oder der allgemeinen Relativitätstheorie, sondern nur bei Stalin und seinen Genossen. Und eine übergeordnete Wissenschaft brauchen diese Einzelwissenschaften offenkundig nicht, um die Natur so zu sehen, wie sie ist und sich diese brauchbar zu machen. Trotzdem meint Stalin, dass die Philosophie, also die Königin der Wissenschaften, von größter Wichtigkeit sei. Dieser undialektische Widerspruch zeigt Stalins falsche Logik eindrücklich. 

    In diesem Teil geht es Stalin aber insbesondere um das Bewusstsein. Dazu sagt er Folgendes: 

    „Im Gegensatz zum Idealismus, der behauptet, dass nur unser Bewusstsein wirklich existiere, dass die materielle Welt, das Sein, die Natur nur in unserem Bewusstsein, in unseren Empfindungen, Vorstellungen, Begriffen existiere, geht der marxistische philosophische Materialismus davon aus, dass die Materie, die Natur, das Sein die objektive Realität darstellt, die außerhalb des Bewusstseins und unabhängig von ihm existiert, dass die Materie das Primäre, das Ursprüngliche ist, weil sie Quelle der Empfindungen, Vorstellungen, des Bewusstseins ist, das Bewusstsein aber das Sekundäre, das Abgeleitete ist, weil es ein Abbild der Materie, ein Abbild des Seins ist, dass das Denken ein Produkt der Materie ist, die in ihrer Entwicklung einen hohen Grad von Vollkommenheit erreicht hat, und zwar ein Produkt des Gehirns, das Gehirn aber das Organ des Denkens ist, dass man darum das Denken nicht von der Materie trennen kann, ohne in einen groben Irrtum zu verfallen. 

    Die ‚höchste Frage der gesamten Philosophie‘, sagt Engels, ist die ‚Frage nach dem Verhältnis des Denkens zum Sein, des Geistes zur Natur …‘ ‚Je nachdem diese Frage so oder so beantwortet wurde, spalteten sich die Philosophen in zwei große Lager. Diejenigen, die die Ursprünglichkeit des Geistes gegenüber der Natur behaupteten, … bildeten das Lager des Idealismus. Die anderen, die die Natur als das Ursprüngliche ansahen, gehören zu den verschiedenen Schulen des Materialismus.‘ (Friedrich Engels, „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, S. 16/17.)” (S. 8, Z. 6–20.) 

    Ferner ist ‚die stoffliche, sinnlich wahrnehmbare Welt, zu der wir selbst gehören, das einzig Wirkliche …‘ Unser ‚Bewusstsein und Denken, so übersinnlich es scheint‘, ist ‚das Erzeugnis eines stofflichen, körperlichen Organs, des Gehirns … Die Materie ist nicht ein Erzeugnis des Geistes, sondern der Geist ist selbst nur das höchste Produkt der Materie.‘ (Ebenda, S. 20.)” (S. 8, Z. 21 31.) 

    Rekonstruieren wir seine Logik: 

    Erstens behauptet Stalin ohne Unterscheidungen, dass „das Sein das Bewusstsein bestimmt“. In dieser abstrakten Gestalt greift diese Prämisse zu kurz, weil sie Wahrnehmung und Denken gleichsetzt. Wahrnehmung erfährt Gegebenes unmittelbar; Denken hingegen ist mittelbare Reflexion. In dieser Trennung liegt die Freiheit zum Irrtum, die Basis für jede Ideologie über Staat und Kapital. Wie Marx treffend bemerkte: „Alle Wissenschaft wäre überflüssig, wenn die Erscheinungsform und das Wesen der Dinge unmittelbar zusammenfielen.“ Das Denken muss frei genug sein, um sich vom bloßen Schein täuschen zu lassen. 

    Im zweiten Schritt versucht Stalin seine These zu beweisen, indem er sagt, dass das Gehirn selber ein materielles Objekt ist. Ein Übergang, mit dem er einen Schritt vom konkreten Verhältnis zwischen Sein und Bewusstsein weggeht. Jetzt sagt er nämlich nicht mehr, auf welche Weise das Subjekt zum Objekt steht, sondern nur, dass das Subjekt selber aus Fleisch und Haut, also materiell, ist. 

    Im dritten Schritt behauptet er dann, dass der Marxismus die Position vertrete, dass die Welt objektiv begriffen werden könne. Jetzt stellt sich die Frage, inwiefern seine anfängliche Behauptung seiner eigenen Logik standhält. Immerhin wäre es nicht nötig, von richtig und falsch zu sprechen, wenn durch den Organismus des Gehirns und den Sinneseindrücken bereits feststünde, was aus dem Sein zu folgern ist. Ist ein geistiger Prozess vor ab determiniert ist die Rede von Richtigkeit überflüssig, weil es ohne hin nur eine Antwort für ein Subjekt geben kann. 

    An späterer Stelle zitiert Stalin Marx’ Aussage, dass das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt, versteht sie falsch und gerät in einen logischen Fehlschluss. An diesem Punkt bricht nämlich Stalins mechanistische Interpretation des materialistischen Grundsatzes, dass das Sein das Bewusstsein bestimme, endgültig in sich zusammen. Stalin missversteht dieses von Karl Marx im Vorwort von „Zur Kritik der politischen Ökonomie“ formulierte Verhältnis als ein rein passives Ursache-Wirkungs-Schema. In seiner Lesart gerät das menschliche Bewusstsein zu einer formlosen, trägen Masse – zu einer reinen Gallerte der Verhältnisse –, die von den äußeren materiellen Bedingungen einfach wie in eine Gussform gepresst wird. 

    Gegen diesen vulgärmaterialistischen Reduktionismus ist mit Marx jedoch einzuwenden, dass das Verhältnis von Sein und Bewusstsein in einer bürgerlichen Gesellschaft durch das Konzept der Charaktermasken vermittelt ist. Marx zeigt im „Kapital“, dass die ökonomischen Rollen, die Individuen einnehmen – ob als Arbeiter, der seine Arbeitskraft verkaufen muss, oder als Kapitalist, der zur Akkumulation gezwungen ist –, Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind. Die Anpassung an diese Strukturen ist jedoch kein mechanischer, passiver Reflex des Gehirns, sondern ein aktiver, tätiger Vollzug. 

    Das Subjekt steht den Verhältnissen nicht kontemplativ gegenüber; es muss sich im alltäglichen Überlebenskampf geistig und praktisch an die Sachzwänge des Marktes anpassen. Man muss in den bürgerlichen Denkformen agieren, Verträge schließen, kalkulieren und sich an das gegebene Recht anpassen, um im System überhaupt bestehen zu können. Diese Anpassung ist somit eine Praxis, durch die das Bewusstsein die vorgefundenen Strukturen aktiv erlernt und im Alltag reproduziert. 

    Indem Stalin diesen Prozess der Anpassung verdinglicht und zu einem unhintergehbaren, fast biologischen Naturgesetz adelt, beraubt er den Marxismus seiner kritischen Sprengkraft. Wenn das Bewusstsein tatsächlich eine reine Gallerte wäre, die das Sein bloß passiv abbildet, bliebe die Entstehung eines kritischen oder gar revolutionären Bewusstseins ein unlösbares Rätsel: Aus einem rein kapitalistischen oder zaristischen Sein könnte das biologische Organ des Gehirns folglich auch nur kapitalistische oder zaristische Gedanken absondern. Ein Bruch mit den herrschenden Verhältnissen wäre unmöglich, da die materielle Gussform keine andere Form zuließe. Das ist fatal, weil Stalin selber später auf Marx zurückgreift mit der Aussage, dass eine Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift. 

    Die Charaktermaske wird von Marx als materielles Verhältnis begriffen, in dem das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein formiert: Individuen müssen sich im Kapitalismus als ökonomische Funktionäre von Ware, Geld und Kapital betätigen, um ihre materielle Reproduktion zu sichern. Diese Anpassung ist kein Mangel an Freiheit, sondern das logische Resultat einer Produktionsweise, die auf dem stummen Zwang des Werts beruht. Im bürokratischen Antikapitalismus sowjetischer Prägung wurde diese Erkenntnis in ein Instrument staatlicher Herrschaft verkehrt. Anstatt die abgesonderte politische Gewalt und die Wertform aufzuheben, setzte sich die Partei an die Stelle der Klasse und verwaltete den fortbestehenden ökonomischen Zwang. Die Ideologie, die das Bewusstsein zum reinen Produkt objektiver Gesetze erklärt, unterschlägt die materielle Realität: Es ist die durch den Staatsapparat erzwungene Reproduktion nicht-sozialistischer Formen (wie der Lohnarbeit), welche diese Verhältnisse künstlich aufrechterhält. Die Behauptung einer objektiven geschichtlichen Notwendigkeit dient hierbei als Ersatz für die tatsächliche Emanzipation der assoziierten Produzenten.

    Noch einmal hat sich gezeigt, dass Marxismus Wissenschaft statt Weltanschauung sein muss!

    Wissenschaftliche Kritik, keine Weltanschauung. Analyse, keine Appelle. Bruch, keine Reform.